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JAZZ/POLITIK – 3. Botschaft und Deutung


Das vorhergehende Video hat ergeben, dass politische Statements in der Jazz-Tradition relativ selten waren. Und ich habe auch Gründe dafür genannt. Einen weiteren Grund sehe ich in Folgendem:
Die kreativen Meister der Jazz-Tradition – Charlie Parker, Sonny Rollins, John Coltrane, Steve Coleman und so weiter – leben für ihre Musik und drücken sich in ihr tiefgründig aus. Sie folgen dem, was sie fasziniert. Sie widmen nicht all ihre Zeit und Energie der Musik, um dann eine politische Agitation in musikalischer Verpackung zu betreiben, die zwangsläufig unter ihrem musikalischen Niveau ist. Die großen Meister des Jazz sind mit ganzer Hingabe Musiker, keine Politiker oder Aktivisten.

Ihre Musik enthält sehr wohl Botschaften, aber die ergeben sich im Wesentlichen aus der Musik selbst. Sie sind sehr persönlich und haben eine vielseitige, tiefgehende Bedeutung. In dieser Musiktradition wird von Storytelling gesprochen. Das ist eine etwas rätselhafte Metapher für eine wichtige Qualität der Musik – nicht nur nach Aussage von Insider-Musikern, sondern auch für mich als Hörer. Was ich an Information zum Storytelling zusammentragen und an Verständnis gewinnen konnte, habe ich auf meiner Website dargestellt. Ein Link dorthin steht in den Video-Infos.1)[+]

Kurz gesagt hat Storytelling für mich persönlich folgende Bedeutung: Wenn ich zum Beispiel Charlie Parker höre, nehme ich nicht eine anonyme Form von brillantem Bebop wahr, sondern erlebe ihn als Persönlichkeit – mit eigener Wesensart, großartiger Lebendigkeit, einem speziellen Sinn für Schönheit und einem reichen kulturellen Hintergrund. Diese Persönlichkeit deckt sich nicht völlig mit Charlie Parkers realer Person, die bekanntlich auch abgründige Seiten hatte, sondern ist zum Teil eine Kreation, die er mit seiner Musik hervorbringt – so wie eine Story Personen nicht nur abbildet, sondern auch auf kreative Weise lebendig werden lässt. Charlie Parkers Spiel ist ein Aufschwingen und Fliegen in hinreißenden Bahnen. Das ergibt eine Botschaft. Die verlangt selbstverständlich humane, intelligente Einstellungen, auch in politischen Fragen. Man braucht allerdings Zeit und Interesse, um ein Gespür für diese Musik zu entwickeln.

Ein erstes Interesse am Jazz entsteht in der Regel aus einem eher oberflächlichen Reiz der Musik. Dabei wirken oft klischeehafte Vorstellungen mit. Die spielten bereits in der Frühzeit des Jazz eine bedeutende Rolle. Denn die afro-amerikanischen Getto-Bewohner waren zu arm, um ihre Jazz-Szenen selbst zu finanzieren. So waren sie auf „weiße“ Besucher („Slummers“) angewiesen, die im afro-amerikanischen Viertel Spaß, Abenteuer, Exotik und Erotik suchten und sich als überlegene „Rasse“ bedienen ließen. Louis Armstrong und Duke Ellington hatten in den 1920er Jahren dort ihre ersten Publikumserfolge. Für die „weißen“ Besucher war der nächtliche Ausflug ins Getto ein Ausbrechen aus ihrer bürgerlichen Welt, ein belebendes Überschreiten gesellschaftlicher Normen.2)[+][+] Später veränderten sich die Jazz-Szenen und auch die Hörerkreise, aber das Ausbrechen und Eintauchen in eine Gegenkultur blieb ein Reiz, der dem Jazz immer wieder Hörer zuspielte. Was diese Hörer in der Alternativwelt des Jazz sahen, wandelte sich. War es ursprünglich eine Befreiung der Sinnlichkeit, so sahen viele (die „Beatniks“) im so genannten Bebop der 1940er Jahre eine ausgeflippte Lebensart voller Kicks.3)[+] In Europa, speziell im deutschsprachigen Raum, war der Jazz auch ein Symbol für den freien, demokratischen, fortschrittlichen Westen im Gegensatz zur Nazi-Herrschaft und zu den Diktaturen Osteuropas. Und als die Studentenbewegung der 1960er Jahre die politische Revolte ins Spiel brachte, da erhielten Free-Jazz-Musiker in Europa oft eine Bühne als eine Art Freiheitskämpfer.4)[+][+]

Auch Jazz-Kritiker und Forscher kamen als junge Nonkonformisten zum Jazz. Als die ersten von ihnen im Jazz einen kulturellen Wert erkannten, begann das Gezerre um seine Interpretation, um seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft, um sein Verhältnis zum etablierten Kulturbetrieb, um den Stellenwert von „Rasse“ im Jazz, um seine Bedeutung als Ausdruck afro-amerikanischer Identität und so weiter. Die unterschiedlichsten Vorstellungen wurden auf den Jazz projiziert, auch politische. Durch die Schulbildung der größtenteils „weißen“ Kritiker und Forscher waren ihre Sichtweisen oft von der „klassischen“ Musik und vom typischen europäischen Kunstverständnis der „Moderne“ geprägt. Die Jazz-Tradition, die von Louis Armstrong bis Steve Coleman führt, ist höchste Kunst, aber nicht so sehr im Sinn des europäischen Kunstverständnisses, sondern im Sinn eines eigenen, außereuropäischen Verständnisses. Die Musik dieser Meister spaltet sich nicht von den Qualitäten der afro-amerikanischen Volksmusik ab, sondern hebt diese Qualitäten auf ein hohes, kunstvolles Niveau.5)[+] Und ihr Storytelling ist etwas grundlegend anderes als die Aussagen „moderner“ Kunst. Da bestehen entscheidende kulturelle Unterschiede.

Also lasse ich die politischen und von moderner Kunst gefärbten Interpretationen des Jazz beiseite und höre einfach Musik – im nächsten Video. Ein Link dorthin steht in den Video-Infos.

 

Alle Video-Texte

 

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  1. Link
  2. Näheres und Quellen in Bezug auf Louis Armstrong: Link; Näheres und Quellen in Bezug auf Duke Ellington: Link
  3. Näheres und Quellen: Link
  4. Zum Beispiel Valerie Wilmer: „Im Jahr 1975 hatte das Interesse der Franzosen an ihren amerikanischen Besuchern merklich nachgelassen. Diese wurden der politischen Rolle nicht mehr gerecht, die einer der Gründe dafür gewesen war, dass man sie so enthusiastisch empfangen hatte.“ (QUELLE: Valerie Wilmer, Coltrane und die jungen Wilden, 2001/1977, S. 269); Mehr dazu: Link und Link
  5. Mehr dazu: Link

 


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