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JAZZ/POLITIK – 4. Musik


Ich höre Musik nicht, um auf gesellschaftliche Missstände hingewiesen zu werden, um zu rätseln, was der Künstler mir wohl sagen will, um in irgendwelchen Ansichten oder einem Ärger bestätigt zu werden, um mich elitär zu fühlen oder zu einer Gruppe zu gehören. Mir geht es um ein unmittelbares, belebendes Hörerlebnis. So finde ich es zum Beispiel faszinierend, wenn der Rhythmus mehrschichtig ist, komplex strukturiert und damit undurchschaubar, und trotzdem ein starker Groove entsteht, wie hier:
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: rmt / 9 to 5 (2017)

Ich hake nicht einfach in das Instrument ein, das am leichtesten ins Ohr geht, sondern versuche, möglichst viel vom gesamten rhythmischen Geflecht wahrzunehmen. Und das beziehe ich auf einen grundlegenden Puls, den ich im Geflecht spüre. Die extrem vielfältigen Beziehungen der Rhythmen zueinander und zum Puls mit all ihren Verschiebungen ergeben einen aufregenden Groove.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: rmt / 9 to 5 (2017)

Über diesen Rhythmen wird ein sehr cooles Thema gespielt, das ursprünglich als Improvisation entstand – genau genommen als spontane Komposition. Mehr zu diesem Begriff auf meiner Website. Ein Link steht in den Video-Infos.1)[+]
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: rmt / 9 to 5 (2017)

Im anschließenden Solo verlaufen die melodischen Linien echt abenteuerlich, aber ständig spürt man: Da steckt Logik dahinter, Konzept, Gestaltungskraft, Erfahrung und ein großartiger Sinn für Bewegung.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: rmt / 9 to 5 (2017)

Die Kunst, raffinierte melodische Linien zu gestalten, ist hier auf höchstem Niveau. Diese Musik ist voller Bewegung – geschickter, geschmeidiger, lässiger Bewegung. Sie beschwingt den Körper, pumpt Sauerstoff in den Kopf, erweitert die Wahrnehmung, belebt tiefgründig – in bester afro-amerikanischer Jazz-Tradition. Bird lives – Charlie Parker lebt fort in dieser Musik. Ihr nonverbaler Ausdruck erübrigt es zu erklären, dass Stumpfsinn und Unanständigkeit nicht gut sind – egal ob in der Politik oder anderswo. Entwickelt man ein Empfinden für die speziellen Qualitäten dieser Musik, so ermöglicht das Musikerfahrungen, die europäische Kultur nicht bietet. Der Horizont weitet sich und das Verständnis menschlicher Kultur und Existenz wird reicher.

Im nächsten und letzten Video dieser Reihe gehe ich auf das Thema des Jazzinstituts Darmstadt ein, das sich auf den europäischen Jazz konzentriert. Ein Link zum nächsten Video steht in den Video-Infos.

 

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