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JAZZ/POLITIK – 5. Europa


Sollte der europäische Jazz mehr zu den gesellschaftspolitischen Themen der Gegenwart Stellung nehmen? Diese Frage wirft das Jazzinstitut Darmstadt für sein heuriges Jazzforum auf. Ein Link steht in den Video-Infos. Ich glaube, in den vorhergehenden Videos ausreichend gezeigt zu haben, dass politische Statements kein Wesensbestandteil des Jazz sind. Darum betrachte ich es nicht als Mangel, wenn keine politischen Themen im Vordergrund stehen. Die Idee, mehr Politik in den europäischen Jazz zu bringen, steht offenbar im Zusammenhang mit einer jüngeren Entwicklung in den USA. Dort löste die Bewegung Black Lives Matter eine Welle an politisch engagiertem Jazz aus. Sollen europäische Musiker auf diese Welle aufspringen? Ich sehe zwei denkbare Gründe dafür:

Erstens, aus Solidarität mit der Bewegung Black Lives Matter. So abwegig wäre das nicht. Zum Beispiel engagierte sich auch der amerikanische Pianist Vijay Iyer für diese Bewegung, obwohl er kein Afro-Amerikaner ist, sondern von Indern abstammt und aus gut situierten Verhältnissen kommt. Internationale Kritik an den untragbaren Zuständen in den amerikanischen Gettos könnte zum politischen Druck beitragen. Aber Solidarität mit den Leuten, von denen der Jazz herkommt, ist in Europa heute wohl nur schwer vorstellbar.

Somit bleibt nur der zweite Punkt, nämlich die Idee, mit politischem Engagement Aufmerksamkeit und Publikumsinteresse auf sich zu ziehen. Dabei ginge es dann aber nicht um politische Betroffenheit, sondern um Marktinteressen. Politik als Zugmittel einzusetzen, wäre unaufrichtig.

Europäische Jazz-Fans förderten mit ihrer Begeisterung den im Kern afro-amerikanischen Jazz seit seiner Frühzeit. In den letzten Jahren wurde diese Begeisterung für eine außereuropäische Kultur jedoch zunehmend von den Interessen europäischer Marktanbieter verdrängt.1)[+] Zu diesem Zweck wurde dem Begriff „Jazz“ eine veränderte Bedeutung gegeben. Aber damit wird der europäische Jazz natürlich nicht zu einer gleichwertigen Musiktradition im Rang von Louis Armstrong, Charlie Parker, John Coltrane und Steve Coleman. Vielmehr sehe ich ein Absinken in die Beliebigkeit, eine kulturelle Verengung und einen Rückschritt hinter einen provinziellen Horizont.2)[+][+] Nach meinem Eindruck geht hier viel an Verständnis für die großartigste Musikkultur des Westens in den letzten hundert Jahren verloren. Ihre speziellen musikalischen Qualitäten und ihre Botschaften sind unersetzlich und sehr aktuell. Mehr auf meiner Website. Ein Link steht in den Video-Infos.3)[+]

Keep swingin‘, movin‘ and groovin‘.

          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: rmt / 9 to 5 (2017)

 

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  1. Mehr dazu: Link
  2. Mehr dazu: Link, Link
  3. Link

 


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