Radio
Alle Videos
Startseite

JAZZ, DER GROSSE SUMPF – 1. Überschwemmung


Wenn jemand von Jazz redet, ist nicht automatisch klar, welche Musik er genau meint. Denn es bestehen sehr unterschiedliche Auffassungen davon – selbst unter Musikern, Jazz-Kritikern und Forschern. Bedeutende Jazz-Musiker lehnten den Begriff „Jazz“ überhaupt ab, da er falsche Vorstellungen von ihrer Musik erwecke.1)[+]

Das Problem ist alt: In den 1920er Jahren war „Jazz“ eine beliebig verwendete Bezeichnung für modische Musik.2)[+] Dieses Verständnis blieb in der Bevölkerung lange verbreitet, auch in Europa. In meiner Jugendzeit in den 1960er Jahren wurde oft jede moderne, rhythmische Musik „Jazz“ genannt.3)[+] Zum Beispiel wurde ein Gottesdienst mit amerikanischen Kirchenliedern und E-Gitarren-Begleitung als „Jazz-Messe“ bezeichnet. Der bedeutendste deutsche Jazz-Kritiker, Joachim-Ernst Berendt, berichtete, er sei in den 1950er Jahren landauf-landab durch Deutschland gefahren, um Vorträge zu halten, und habe nirgendwo über Jazz sprechen können, ohne zunächst einmal darauf hinzuweisen, was Jazz nicht ist.4)[+] Anfang der 1960er Jahre war er vom Erfolg seiner Bemühungen enttäuscht.5)[+] Ein fundiertes Jazz-Verständnis etablierte sich nie in größerem Rahmen, sondern blieb immer auf eine kleine Minderheit beschränkt.

Unter Jazz-Anhängern begann bereits in den 1930er Jahren ein wichtiger Prozess: In unzähligen, oft hitzigen Debatten kristallisierten die so genannten Jazz-Kritiker allmählich heraus, was sie als „echten“ Jazz verstanden.6)[+] Viele ihrer Bewertungen blieben umstritten und Musiker schüttelten den Kopf über die Kategorisierungen der Jazz-Kritiker. Allgemein anerkannt wurde jedoch, dass die Basis des Jazz eine afro-amerikanische Musiktradition ist, die von einer Reihe einflussreicher Meister wie Louis Armstrong, Charlie Parker und so weiter repräsentiert wird. Die wahren Kenner dieser Tradition sind ihre bedeutenden Musiker selbst, nicht die Kritiker. Berendt schrieb, dass fast alles, was die Jazz-Kritiker „an wirklich Relevantem zusammengetragen haben“, letztlich von den Musikern stammt.7)[+]

Die Musiker waren allerdings manchmal selbst unterschiedlicher Meinung – vor allem ab dem so genannten Free-Jazz der 1960er Jahre. Der wirbelte das Verständnis, worauf es im Jazz ankommt, grundlegend durcheinander. Er ließ das Publikumsinteresse am Jazz schwinden und die damals neue Rockmusik zog Hörer scharenweise vom Jazz ab. Um das Verschwinden des Jazz aus dem Musikgeschäft aufzuhalten, umarmten in den 1970er Jahren viele Jazz-Musiker die Rockmusik. Ihre Jazz-Rock-Fusion war auf den Geschmack eines großen Publikums ausgerichtet und untergrub das früher gewonnene Jazz-Verständnis weiter. Zwar waren Vermischungen von Jazz-Elementen mit anderen Musikarten schon in der Frühzeit des Jazz verbreitet, doch nahmen sie nun erheblich zu und wurden von den Jazz-Kritikern ins Zentrum gerückt. Das Jazz-Spektrum dehnte sich immer weiter aus und das Verständnis davon, was Jazz ausmacht, wurde zwangsläufig immer diffuser.

Im Schatten des Musikgeschäfts, vor allem in Städten mit großen afro-amerikanischen Vierteln, pflegten ältere Musiker die Jazz-Tradition fort und steckten mit ihrer Hingabe auch nachfolgende Generationen an. Aus einem solchen Umfeld kam der Trompeter Wynton Marsalis. Der wurde in den 1980er Jahren zum einflussreichsten Vertreter einer Reihe junger, hauptsächlich afro-amerikanischer Musiker, die versuchten, an die Jazz-Tradition der alten Meister anzuknüpfen. Sie brachten viel vom Charakter dieser Tradition zurück, allerdings in einer überwiegend nachahmenden Weise, womit sie den wichtigen kreativen Geist dieser Tradition verfehlten.

Noch massiver ging der Geist der Tradition durch die damals um sich greifende Verschulung der Jazz-Ausbildung verloren. Die Jazz-Tradition ist Ausdruck von Persönlichkeit und eigener Subkultur. Charlie Parker sagte: „Wenn du es nicht lebst, kommt es nicht aus deinem Horn.“ Schulen sind eine ganz andere Welt. Der Pianist Vijay Iyer erzählte, dass er einem jungen Australier begegnete, der im Stil des afro-amerikanischen Trompeters Wadada Leo Smith spielte. Er fragte ihn, wie er dazu kam, und der Australier antwortete, er habe als Student in der Universitätsbibliothek Aufnahmen von Leo Smith entdeckt, die ihm gefielen, und so habe er sich seinen Stil anhand der Aufnahmen eben angeeignet. Vijay Iyer fragte sich, was dieser Musiker aus finanziell abgesicherten Verhältnissen riskierte, um diese Musik zu spielen, wo seine eigene Kreativität, seine Herausforderung war und worin das Warum und das Ziel des Musikmachens bei ihm bestanden.8)[+] Dieses Beispiel ist bezeichnend für einen Großteil heutiger Jazz-Produktionen.

Alles, was im Wesentlichen eine Nachahmung eines Stils ist, mit dem sich frühere Musiker ausdrückten, ist für mich kein interessanter Jazz. Es ist nicht das, was die kreativen Meister seit jeher machen. Aber es genügt auch nicht, dass etwas irgendwie neuartig oder eigenwillig ist. Wie Charles Mingus sagte, kann es auch „Originalität in Dummheit geben, ohne musikalische Darstellung irgendeines Gefühls oder irgendeiner Schönheit“, und es kann einer „mit Gefühl spielen und überhaupt kein melodisches Konzept haben“.9)[+] Ich will im Jazz intelligenten Groove erleben, einen faszinierenden Flug melodischer Linien, einen lässigen Sound voller spannender Strukturen und echte Seele, keinen Abklatsch aus dritter Hand, keine trockene Kunst, keine bloße Technik und keine Anbiederung an Popmusik. Hervorragendes ist rar, Belangloses hingegen wie eine Flut.

Es gibt nur relativ wenige Jazz-interessierte Hörer und die werden heute mit einer riesigen Menge an Jazz-Produktionen überhäuft. Der norwegische Musiker Jan Garbarek sagte bereits vor 10 Jahren: „Wer soll das alles noch kaufen? Keiner hat mehr den Überblick oder die Zeit, sich damit zu befassen. Der Markt explodiert und möglicherweise gibt es auch von mir viel zu viele Aufnahmen. […] Jedes Mal, wenn ich in ein Plattengeschäft gehe, dann erblicke ich diese Unmenge von Tonträgern und bin fassungslos. Täglich kommen tausend neue dazu. Selbst wenn ich nach etwas ganz Bestimmtem suche, verliere ich nach 15 Minuten den Überblick und die Geduld. Dann muss ich einfach raus. […] Da gibt es inzwischen so viel Bullshit, mit dem sich die wirklich interessanten und guten Dinge in eine Reihe stellen lassen müssen.“10)[+]

Es wäre Aufgabe der Jazz-Kritiker, das Überangebot für die Hörer zu sortieren und eine Auswahl zu treffen. Aber die Kritiker sind selbst völlig überfordert – vor allem, weil es an Bewusstsein für Jazz-Qualität mangelt. Das zeigt sich zum Beispiel darin, was Jazz-Kritiker als bedeutende Stile anführen: nämlich unter anderem auch Pop-Jazz-Gesang, Smooth-JazzAcid-Jazz, New-Age-JazzHip-Hop-JazzNu-Jazz, Lounge-Jazz und so weiter.11)[+] Bei diesen Stilrichtungen handelt es sich in Wahrheit um Formen von Popmusik, elektronischer Entspannungs- und Party-Musik, die für die musikalische Entwicklung des Jazz völlig belanglos sind. Seichten Pop-Jazz gab es schon immer, nur wurde er früher von Jazz-Kritikern als „kommerziell“ deklariert und von „echtem“ Jazz abgegrenzt. Heute fehlt dafür offenbar ein entsprechendes Qualitätsverständnis.

Joachim-Ernst Berendt stellte in seinem Jazzbuch die Jazz-Geschichte dar und dabei stellte er für jedes Jahrzehnt einen oder zwei Musiker heraus, die er als besonders bedeutend betrachtete. Nach Berendts Tod wurde sein Jazzbuch fortgeführt und in der letzten Fassung aus dem Jahr 2005 wird als wichtigster Jazz-Musiker der 1990er Jahre der Saxofonist John Zorn vorgestellt.12)[+] Aber John Zorn erklärte selbst, seine Musik sei kein Jazz, sie gehöre nicht in Jazz-Magazine, sei nicht an Jazz-Parametern zu messen und er spiele nur bei Jazz-Festivals, weil er nirgends sonst spielen kann. Es bestehe ein großes Missverständnis über seine Musik.13)[+] – Mangelndes Jazz-Verständnis zeigt sich auch in folgendem Beispiel: Jan Garbarek wird in der Jazz-Literatur immer wieder als einer der bedeutendsten europäischen Jazz-Musiker genannt. Im Jahr 2009 wurde er in einem Interview gefragt, ob er sich als Jazz-Musiker versteht, und er antwortete: „Definitiv nein. Natürlich ist Jazz mein wesentlicher Hintergrund, ich habe alles gehört, aber ich habe eine sehr gute Vorstellung von Jazz. […] Louis Armstrong, Oscar Peterson und John Coltrane sind Jazz. Nicht ich.“ Er sei mit 17 Jahren in die Welt des Jazz eingeführt worden, habe damals Free-Jazz gespielt, aber nicht das Niveau gehabt, nur eine verrückte Energie.14) – Noch ein Beispiel: Ein anderer norwegischer Musiker erzeugt auf selbstgebauten Klangkörpern aus Polareis Sphärenklänge, die mit der Jazz-Tradition nicht das Geringste gemeinsam haben. Dennoch wird er in deutschsprachigen Jazz-Zeitschriften und auf europäischen Jazz-Festivals präsentiert.15)

Es gibt unzählige weitere Beispiele für die Auflösung jeder spezifischen Bedeutung des Jazz-Begriffs. Der amerikanische Komponist George Gershwin sagte im Jahr 1926, der Ausdruck „Jazz“ sei für so viele unterschiedliche Sachen verwendet worden, dass er aufgehört habe, irgendeine bestimmte Bedeutung zu haben.16)[+] An diesen Punkt ist der Jazz zurückgelangt.

Nach meinem Eindruck wurde die Auflösung des Jazz-Verständnisses von mehreren Seiten vorangetrieben. Viel zu viele Musiker ringen um eine viel zu kleine Hörerschaft. Konzertveranstalter versuchen ein größeres Publikum anzulocken, als die Jazz-Interessierten nun einmal bilden. So kann man auf Jazz-Festivals oft alles Mögliche hören, nur keinen wirklich guten Jazz. Jazz-Magazine wollen laufend über Neues berichten, das man hören sollte. Im Jazz-Bereich wird ständig Offenheit für alles gefordert. In keiner anderen Musikart sehe ich so etwas. Wer auf Jazz-Qualität Wert legt, wird als „Purist“ hingestellt – mit einem Beigeschmack von engstirnigem Spaßverderber. Eine typische Redensart ist: Da kommt die „Jazz-Polizei“ und verbietet alles, was nicht richtiger Jazz ist.17) Das ist eine absurde Fantasie, die jede kritische Perspektive ins Lächerliche zieht.

Wer nur am Rand an Jazz interessiert ist, nimmt diesen gesamten Auflösungsprozess möglicherweise gar nicht wahr und findet die bunte Vielfalt des Markts sogar einladend. Aber wenn man eine Wertschätzung für die großartige Musikkultur der Meister des Jazz hat, dann ist dieser Ausverkauf ein Jammer.

Im nächsten Video geht es um folgende Behauptungen, die weitverbreitet, aber falsch sind: Der Jazz sei heute globalisiert. Der amerikanische Jazz sei nur mehr konservativ. Eine Weiterentwicklung des Jazz erfolge heute in Europa. – Im übernächsten Video versuche ich dann zu zeigen, wie ein Jazz-Verständnis mit Substanz aussehen kann.

Die Videos gibt es auch in Textform. Dort führe ich Quellen an. Die Links stehen in den Video-Infos. Der erste Link führt zum nächsten Video.

 

Zu meinem Jazz-Verständnis: Link

Alle Video-Texte

 

——————————————————

  1. Mehr dazu: klick auf [+]
  2. Mehr dazu: klick auf [+]
  3. Mehr dazu: klick auf [+]
  4. Mehr dazu: klick auf [+]
  5. Mehr dazu: klick auf [+]
  6. Mehr dazu: klick auf [+]
  7. Mehr dazu: klick auf [+]
  8. Näheres und Quelle: klick auf [+]
  9. Quelle: klick auf [+]
  10. Quelle: klick auf [+]
  11. Näheres und Quelle: klick auf [+]
  12. Mehr dazu: klick auf [+]
  13. Näheres und Quelle in der Fußnote am Ende des folgenden Satzes: klick auf [+]
  14. Quelle: Francis Marmande, Garbarek: "Armstrong, Peterson, Coltrane, c'est le jazz. Pas moi", Internetseite der Zeitung Le Monde, 19. September 2009, http://www.lemonde.fr/culture/article/2009/09/19/garbarek-armstrong-peterson-coltrane-c-est-le-jazz-pas-moi_1242557_3246.html
  15. Terje Isungset in den Zeitschriften Jazzzeitung.de und Jazzthetik, Internet-Adressen: https://www.jazzzeitung.de/cms/2019/01/auftakt-des-muenchner-festivals-out-of-the-box-mit-terje-isungsets-ice-music/ und https://jazzthetik.de/terje-isungset/
  16. Quelle: klick auf [+]
  17. Ein extremes Beispiel dafür ist folgender Werbetext für Bugge Wesseltoft: „In den frühen 90er Jahren befand sich die Jazzmusik im eisernen Griff einer Diktatur: Die Jazzpolizei patrouillierte durch die Szene, machte Razzien und verurteilte summarisch jede Art von Jazz, die auch nur entfernt so klang, als wäre sie nach 1967 entstanden, nicht auf dem Blues basierte oder – helfe uns Gott! - elektrifiziert war. Was die konservativen Kontrolleure damals noch nicht ahnten, war, dass es im norwegischen Untergrund einen verrückten Klangwissenschaftler gab, der in seinem versteckten Labor heimlich am Umsturz der Konventionen arbeitete. […] die obige Darstellung der Dinge mag ein bisschen frivol und zugegebenermaßen auch etwas übertrieben sein. Aber […]“ (QUELLE: Artikel Bugge Wesseltoft’s New Conception of Jazz - The Box Set, 10. Juni 2009, Internetseite des Jazz Echo Magazins, Internet-Adresse: http://www.jazzecho.de/aktuell/news/artikel/article:76179/bugge-wesseltofts-new-conception-of-jazz-the-box-set)

 


Kontakt / Offenlegung