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JAZZ, DER GROSSE SUMPF – 2. Trugbilder


Immer wieder stoße ich auf die Behauptung, der amerikanische Jazz sei nur mehr konservativ, der europäische hingegen innovativ.1) Diese Behauptung wurde vom britischen Autor Stuart Nicholson ab dem Jahr 2001 verbreitet.2)[+] Er stütze sich auf den norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft, der sagte: Der amerikanische Jazz sei zu einem Museum geworden. In den letzten 20 Jahren sei kein einziges interessantes Jazz-Album aus den USA gekommen.3) – Das war schlicht und einfach falsch und empörend. Amerikanische Musiker und Jazz-Kritiker widersprachen vehement.4)[+] Ein bekannter Jazz-Kritiker erklärte, es sei offensichtlich, dass Nicholson keine Ahnung von der amerikanischen Szene hatte.5)[+]

Dass Bugge Wesseltoft keinen neueren Jazz aus den USA interessant fand, ist nicht verwunderlich, wenn man seine eigene Musik hört. Er produzierte damals eine Stimmungs- und Berieselungsmusik mit modischen Computer-Sounds. Was er auf den Keyboards spielte, war eine lahme Nachahmung der Fusion-Music aus den 1970er Jahren.6)[+] Das Ganze hatte kaum etwas mit Jazz zu tun. Nur wenige Jahre später erklärte er, seine Musikart habe sich „mittlerweile ein wenig totgelaufen“. Er müsse sich nun „erneuern“. Im Jahr 2007 nahm er ein Solo-Klavier-Album mit einschläfernder Entspannungsmusik auf und erläuterte: „Ich wollte die Schönheit des Pianos herausstellen. Vor ein paar Jahren habe ich mir einen Steinway-Flügel gekauft, der einfach so unfassbar schön und warm und gut klingt.“ Zehn Jahre später interpretierte er auf seinem Flügel in einer Kirche alte Popmusik-Hits aus den 1960er und 70er Jahren und ein paar Stücke aus der europäischen Klassik, und zwar extrem langsam und kraftlos. Diese Musik erschien unter dem Titel Everybody Loves Angels  (Jeder liebt Engel) und auf dem Album war ein kitschiger Barockengel abgebildet.7)[+] So etwas kann man nur als bedeutenden Jazz verkaufen, nachdem jedes fundierte Jazz-Verständnis systematisch den Bach hinuntergespült wurde.

Wem Bugge Wesseltofts Musik gefällt, dem möchte ich seinen Musikgenuss in keiner Weise absprechen. Jede Musik, die wirkt, hat ihr Recht. Aber wenn Wesseltofts Musik im Jazz-Kontext auf ein Podest gestellt wird, dann muss man einwenden, dass sie dort nicht hingehört. Das gilt genauso für die anderen europäischen Musiker, die Stuart Nicholson in schwindlige Höhen hinauflobte.

Auf Nicholson ist auch zurückzuführen, dass immer wieder behauptet wird, der Jazz sei nun globalisiert.8)[+] Das ist eine irreführende Darstellung: Die Nachahmung und Abwandlung des Jazz begann schon, bevor überhaupt von „Jazz“ gesprochen wurde. Schon die „weißen“ Musiker, die 1917 die ersten Jazz-Schallplatten aufnahmen9), machten ihre eigene Jazz-Abwandlung. Sie spielten hektisch, weil ihnen das Feeling für den speziellen Schwung der Afro-Amerikaner fehlte. Sie hatten Blues-Stücke im Repertoire, aber kein richtiges Verständnis für Blues.10)[+] Sie verstanden Jazz mehr als Klamauk und damit grundlegend anders als die Afro-Amerikaner.11)[+] Ein paar Jahre später fanden „weiße“ Orchesterchefs, man müsse den Jazz kultivieren, und umgaben ihn zu diesem Zweck mit süßlichen Orchesterklängen.12)[+] Und es gibt viele weitere Beispiele. Sobald Musiker, die einen andersartigen kulturellen Hintergrund hatten, Spielweisen des Jazz nachahmten, entstanden Abwandlungen – in den USA genauso wie in anderen Teilen der Erde. Ob das, was dabei herauskam, noch Jazz ist, ist Ansichtssache. Auch bei der Bewertung, ob ein Beitrag zum Jazz bedeutend ist oder nicht, kommt es auf das Jazz-Verständnis an. Versteht man Jazz im Sinn der großen afro-amerikanischen Meister, dann zeigt sich klar, dass die globale Verbreitung des Jazz keine bedeutenden Innovationen gebracht hat. Es ist wirklich erstaunlich: Diese afro-amerikanische Musik wird seit hundert Jahren von unzähligen Musikern nachgeahmt und noch immer kommen die wichtigen musikalischen Impulse aus einer afro-amerikanischen Subkultur. Mehr dazu später.

Das Globalisierungsgerede dient in Wahrheit dem Kampf um den Markt. Meister wie Louis Armstrong, Charlie Parker und John Coltrane haben dem Jazz ein hohes kulturelles Ansehen verschafft und den Maßstab gesetzt. Aber andere Musiker und Musikerkreise wollen auch bedeutend sein und daher wird immer wieder versucht, dem Jazz-Begriff eine veränderte Bedeutung zu geben und den Maßstab der Meister wegzukriegen. Zurzeit wird das Schlagwort „Globalisierung“ verwendet, um das Verständnis von Jazz und Jazz-Qualität beliebig auszudehnen und umzuwandeln. Die großen Meister und ihre Tradition werden demontiert13)[+] und zugleich pushen die regionalen Lobbys ihre Musiker.

Im nächsten Video versuche ich, ein Jazz-Verständnis mit echter Substanz zu vermitteln. Ein Link zum nächsten Video steht in den Video-Infos.

Alle Video-Texte

 

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  1. zum Beispiel kürzlich Bruce Johnson: Der Jazz sei rasant globalisiert worden. Der meiste Jazz dürfte bereits außerhalb der USA gespielt werden und es werde weithin empfunden, dass sich auch die Qualität des Jazz ins Ausland verlagert hat, da er in seiner Heimat zunehmend konservativ geworden sei. – Als Quelle gab Johnson an: Stuart Nicholson, Is Jazz Dead? Or Has It Moved to a New Address, 2005, S. xii, 19f., 76 und 124 (QUELLE: Bruce Johnson, Diasporic Jazz, in: Routledge Companion to Jazz Studies, 2019, S. 17)
  2. Mehr dazu: klick auf [+]
  3. QUELLE: Stuart Nicholson, Europeans Cut In With a New Jazz Sound And Beat, 3. Juni 2001, Zeitung The New York Times, Internet-Adresse: http://www.nytimes.com/2001/06/03/arts/music-europeans-cut-in-with-a-new-jazz-sound-and-beat.html?pagewanted=1; später: Stuart Nicholson, Is Jazz Dead? Or Has It Moved to a New Address, 2005
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  7. Näheres und Quellen: klick auf [+]
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  9. Original Dixieland Jazz Band
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  11. Mehr dazu: klick auf [+]
  12. Mehr dazu: klick auf [+]
  13. In einer neueren Richtung der Jazz-Forschung (The New Jazz Studies) wird ein Konzentrieren auf große Meister fundamental in Frage gestellt. Die Linie der Jazz-Meister wird als Heldengeschichte betrachtet. Ihr versucht man, eine andere Sichtweise entgegenzusetzten – eine, die viele verschiedene Perspektiven berücksichtigt, viel mehr Musiker, kleine Szenen, all die unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Jazz gegeben werden, und so weiter. Mehr dazu: klick auf [+] – weitere QUELLE: Wolfram Knauer und Tony Whyton, in: Wolfram Knauer [Hrsg.], Jazz @ 100. An alternative to a story of heroes, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 15, 2018, S. 7f. und 113-127

 


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