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JAZZ, DER GROSSE SUMPF – 3. Flammen


Wenn ich früher, als es noch kein Internet gab, Musik kaufen wollte, ging ich in ein Schallplattengeschäft. In meiner Stadt gab es unter anderem ein kleines Geschäft, das zwar nur relativ wenige Platten hatte, aber interessante. Die Besitzerin des Ladens stellte mir einmal ihr Sortiment vor: Sie hatte eine Ecke mit „klassischer“ Musik einschließlich „Moderne“, eine Ecke mit nicht-westlicher Musik, zum Beispiel indischer, einen Bereich mit experimenteller Rockmusik. Und dann stellte sie sich vor ihre Jazz-Abteilung und sagte: „Das ist die Flamme.“

Genau das ist Jazz auch für mich. Was macht ihn zur Flamme? Das versuche ich nun darzustellen und dazu gehe ich zunächst in die Frühzeit des Jazz zurück. Da gab es einen beliebten Rag mit einer simplen Melodie, die so ging:
          HÖRBEISPIEL: Euday L. Bowman: Twelfth Street Rag (1914; gespielt von Aaron Robinson)

Louis Armstrong interpretierte diesen Rag auf seine Weise. Zunächst ließ er eine lustige Einleitung spielen:
          HÖRBEISPIEL: Louis Armstrong and His Hot Seven: Twelfth Street Rag (1927)

Dann spielte Louis Armstrong die Melodie des Rags, variierte dabei jedoch ständig ihren Rhythmus und schmückt sie aus:
          HÖRBEISPIEL: Louis Armstrong and His Hot Seven: Twelfth Street Rag (1927)

Plötzlich springt er in eine höhere Tonlage – voller Übermut und Witz – und gestaltet prächtige neue Melodien:
          HÖRBEISPIEL: Louis Armstrong and His Hot Seven: Twelfth Street Rag (1927)

Es ist ein harmloses, spaßiges Stück, aber Louis Armstrong bringt einen raffinierten melodischen Tanz hinein, mit starker Expressivität, einem kämpferischen Geist und frechen Triumph. Sein geschicktes, blitzgescheites Spiel in seinen damaligen Aufnahmen ist ein frühes Auflodern der Jazz-Flamme. Später wurde sie von Meistern wie Charlie Parker mächtig angefacht. Parker spielte mit umwerfender rhythmisch-melodischer Brillanz und Ausdruckskraft.
          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Cheryl (1949, Carnegie Hall)

John Coltranes Musik hat in mehrfacher Hinsicht eine brennende Intensität. Er forderte sich mit musikalischer Komplexität ständig bis an seine Grenzen heraus und drückte etwas Großes, Überwältigendes aus. Er sprach davon, die Pracht des Universums abbilden zu wollen, und seine Musik spiegelt auch sein leidenschaftliches Streben nach Tiefgründigkeit und Spiritualität wider. Oft erinnert seine Musik an die Energie ekstatischer afro-amerikanischer Gottesdienste. Und die haben wiederum Wurzeln in afrikanischen Traditionen, die ebenfalls mit intensiver rhythmischer Musik in einen erhebenden Zustand versetzen.
          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Mr. P.C. (1963, Paris)

In Coltranes Musik gibt es aber auch einen wunderbaren Ausdruck von Frieden:
          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Dear Lord (1965)

Der Titel Dear Lord (Lieber Gott) wirkt naiv, aber die Musik ist es überhaupt nicht. Die Musik eines tiefgründigen Meisters wie Coltrane kann einen Gegensatz aufheben, der sonst unüberwindlich ist: den Gegensatz zwischen kritischem Geist und der fundamentalen Sehnsucht nach Harmonie. Diese Versöhnung ist allerdings nur flüchtig – wie die Musik selbst.

Ab Mitte der 1960er Jahre ließ sich Coltrane stark von der damaligen Free-Jazz-Bewegung beeinflussen. Dadurch erhielt seine Musik einen abgründigen und leidvollen Charakter. Das ist mir zu unangenehm, um sie öfters hören zu wollen. Aber seine vorhergehenden Werke ergeben für mich immer wieder faszinierende Musikerlebnisse.

Die Linie von Meistern wie Charlie Parker und John Coltrane ist so großartig, dass es für nachfolgende Musikergenerationen sehr schwer wurde, ihr noch etwas Bereicherndes hinzuzufügen.

Der Saxofonist Sam Rivers berichtete, dass er früher bei seinen Auftritten immer junge Musiker einsteigen, also spontan mitspielen ließ. Aber die waren oft nicht ausreichend versiert und ruinierten den Auftritt. Sam Rivers wurde schließlich restriktiver. Er fragte sie zunächst: „Was kannst du dem noch hinzufügen? Du hast hier gesessen und hast mich zwei Stunden lang spielen gehört, hast gehört, wie wir die Intensität gesteigert haben. Was kannst du alldem noch hinzufügen?“ Die meisten gaben auf.1)[+]

Sam Rivers Frage „Was kannst du alldem noch hinzufügen?“ stellt sich allgemein für den Jazz. Die Aufnahmen der großen Meister sind Jazz auf höchstem Niveau. Natürlich gibt es noch viel mehr als diese Meisterwerke. Aber je mehr man den Blickwinkel verbreitert, desto weiter sinkt das Niveau der Jazz-Qualität ab. Der Saxofonist Von Freeman sagte: „Je besser du dich in der Musik auskennst, desto weniger kannst du akzeptieren, was die meisten Leute machen. Einen wirklich großen Musiker kannst du immer akzeptieren. Aber dann findest du sehr schnell heraus, dass es davon nur eine Handvoll gibt.“2)[+]

Hat man den Pfad zu Coltrane gefunden, gelangt man leicht zu den Meistern vor ihm. Denn sie sind durch die Tradition, in der er steht, mit ihm verknüpft. Er kam von Charlie Parker her und verehrte wie dieser Art Tatum und so weiter. Die Kette führt zurück bis zum großen Innovator der Frühzeit, Louis Armstrong. Schwieriger ist es zu erkennen, wie diese Tradition nach Coltrane weitergeht. Sie hat nicht mit ihm geendet. Doch entfaltet sie sich seit jeher in immer wieder neuen Formen. Die sind miteinander verbunden, durch die grundlegenden Qualitäten dieser Tradition. Das Verständnis dafür ist jedoch wenig verbreitet und so findet die heutige Weiterentwicklung weitgehend im Untergrund statt. Mehr dazu im nächsten Video. Ein Link zum nächsten Video steht in den Video-Infos.

 

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