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JAZZ, DER GROSSE SUMPF – 4. Untergrund


Im Jahr 1990 hörte ich zum ersten Mal das:
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: No Conscience (1990)

Ich fand es unglaublich, dass Musiker einen solchen Rhythmus spielen können, der so kompliziert ist und noch dazu funky. Er besteht aus einem Geflecht, das von den verschiedenen Instrumenten gemeinsam gebildet wird, und dieses Geflecht verändert sich ständig in einer fließenden Weise. Dahinter steckt eine raffinierte Struktur, die der Musik zugrunde liegt. Insgesamt ergibt das einen extrem lebendigen Groove mit einem rätselhaften Flair.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: Step'n (1990)

Diese neuartige Rhythmik ist in meinen Augen eine entscheidende Innovation. Denn der klassische Jazz-Rhythmus mit dem Beat des Walking-Bass war schon längst an die Grenzen seiner Entwicklungsmöglichkeit gestoßen. John Coltrane und andere lösten ihn schließlich immer mehr auf, aber damit verlor die Musik eine Wirkung, die für mich als Hörer wichtig ist: das Gefühl rhythmischer Körperbewegung. Musiker, die bei einem größeren Publikum ankommen wollten, begannen, Rhythmen aus der Funk-Musik einzusetzen. Doch die wirken starr und simpel, wenn sie mit anspruchsvoller Jazz-Improvisation verbunden werden. Grundsätzlich war die Art, wie die Funk-Musik und besonders die kubanische und afrikanische Trommelmusik rhythmische Überlagerungen bilden, für den Jazz schon lange interessant. Steve Coleman brachte all das zusammen und schuf daraus eine in sich stimmige und sehr kunstvolle Musik, die noch dazu das hippe Feeling aktueller Black Music hat – so wie Charlie Parker und John Coltrane die Blues- und Spiritual-Musik ihrer Zeit verarbeiteten.

Neuartig an Steve Colemans Musik war jedoch nicht nur ihr rhythmisches Fundament, sondern auch die Art der Linien, die er auf dem Alt-Saxofon spielte. Sie klingen erfrischend ungewohnt und zugleich ausgesprochen melodiös.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: Neutral Zone (1990)

Was seine Melodielinien so frisch und bestechend macht, ist einerseits die ungewöhnliche Auswahl der Töne, die auf einem eigenen System beruht, und andererseits eine neue, aufregende Art von Bewegungsmustern.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: Black Phonemics (1990)

In diesen Aufnahmen aus dem Jahr 1990 waren Steve Colemans musikalische Konzepte erstmals ausgereift und bis heute entwickelt er seine Musik unermüdlich weiter. Mitte der 1990er Jahre zog seine Musik ein beträchtliches Publikum an, besonders in Frankreich. Doch ließ er sich bei der Gestaltung seiner Musik nie von kommerziellen Gesichtspunkten beeinflussen. Kompromisslos erforschte er Erweiterungsmöglichkeiten in verschiedene Richtungen und das ergab mitunter auch einzelne Aufnahmen, die ich persönlich als weniger befriedigend empfinde. Aber zum allergrößten Teil begeistert mich die Weiterentwicklung seiner Musik genauso wie seine ursprünglichen Innovationen.

Anerkannte Musiker wiesen wiederholt auf Steve Colemans Bedeutung für die Jazz-Geschichte hin. Er sei so bedeutend wie John Coltrane, sagte der angesehene Pianist Vijay Iyer im Jahr 2010.1)[+] Steve Coleman hatte damals jedoch nur wenige Auftrittsmöglichkeiten und seit Jahren waren kaum mehr Aufnahmen von seiner Musik veröffentlicht worden. Einige Jahre später erhielt er Preise von amerikanischen Institutionen, wodurch er mehr Beachtung fand. Die Preisgelder verwendete er großteils für die Nachwuchsförderung. In letzter Zeit verschlechterte sich seine Situation wieder. Derzeit spielt er unbezahlt an vier Tagen die Woche in einem mexikanischen Fastfood-Restaurant in Philadelphia, und zwar ein halbes Jahr lang. Damit versucht er, eine ähnliche Spielsituation zu schaffen, wie sie die alten Meister früher hatten. Zum Beispiel trat in den 1950er Jahren Thelonious Monk (unter anderem mit dem jungen John Coltrane) im Lokal Five Spot ebenfalls ein halbes Jahr lang regelmäßig auf. Solche längeren Engagements halfen den Musikern, ihre Subkultur zu entfalten, weiterzuentwickeln und an Jüngere weiterzugeben. Steve Coleman erlebte diese Subkultur als junger Musiker noch selbst und entwickelte sich im Kontakt mit alten Meistern wie Von Freeman. Die wirkten im Untergrund, Steve Coleman heute ebenfalls.

Jazz-Kritiker erkennen Steve Colemans Stellenwert offenbar bis heute nicht ausreichend. Sie bringen ihn öfters mit Ornette Coleman in Verbindung. Doch außer demselben Familiennamen und demselben Instrument, dem Alt-Saxofon, verbindet die beiden Musiker so gut wie nichts.2)[+] Diese und ähnliche Fehleinschätzungen zeigen, dass Kritiker wenig Zugang zu Steve Colemans Musik finden. Die Jazz-Forschung scheint noch weiter vom Puls der kreativen Weiterentwicklung entfernt zu sein. Dass große kulturelle Leistungen oft lange Zeit nur von wenigen erkannt werden, ist aus der Geschichte bekannt und die heutige Situation des Jazz, die ich im 1. Video dieser Reihe beschrieben habe, ist besonders ungünstig.

Ich bin laufend an einer Bereicherung meines Jazz-Spektrums interessiert – auch weil ich für mein Radioprogramm immer wieder neues Material benötige. Aber ich finde außer Steve Colemans Neuerscheinungen nur wenig, was neben den Meisterwerken meiner Sammlung bestehen kann. Steve Colemans Musik ist mittlerweile in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Doch wirkt sie immer noch natürlich und lässig. Er hat sich offenbar den musikalischen Zugang bewahrt, den er als junger Musiker aus einer afro-amerikanischen Subkultur mitgebracht hat. Noch als 60-Jähriger sagte er, der stärkste Einfluss auf seine musikalische Entwicklung sei gewesen, dass er in einem ausschließlich afro-amerikanischen Umfeld von Chicago aufwuchs.3)[+]

Mehr zu Steve Coleman auf meiner Website. Ein Link steht in den Video-Infos.
Keep swingin‘, movin‘ and groovin‘.
          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: twf – Set 1 (2017)

 

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