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Steve Coleman über den Stellenwert von Virtuosität


Sein erster Schritt sei gewesen, dass er professionell, konsistent klingen muss. Wann immer er spielte, sollte er auf einem gewissen Level klingen. Das sei die erste Sache gewesen, von der er wusste, dass er sie tun muss. Sein Ziel sei Charlie Parker, John Coltrane und so weiter gewesen. Er habe das aber nie so verstanden, dass er sie übertreffen will. Er habe es nie so gesehen, dass Parker besser als Coltrane, Coltrane besser als Parker oder Von Freeman besser als Coltrane wäre. Er habe nie in dieser Wer-ist-besser-als-wer-Art gedacht. Vielmehr habe er einfach gesehen, dass sie auf einem gewesen Niveau waren, und sein Ziel sei es gewesen, eben auf diesem Niveau der Kreativität, des Man-Selbst-Seins zu sein. Er habe nie gedacht, dass Thelonious Monk weniger gut als ein anderer war, denn Monk sei so sehr er selbst gewesen, dass es außerhalb jeder Konkurrenz war. Er neige zur Auffassung, dass Monk noch mehr er selbst war als Bud Powell. Powell sei der bessere Pianist gewesen, was die Wendigkeit auf dem Klavier anbelangt. Man könne immer mit der Wendigkeit argumentieren, aber niemand sei auf einem Instrument so wendig gewesen wie Art Tatum. Tatum habe jeden geschlagen. Das sei das Ende der Geschichte. Selbst Parker habe gesagt, dass er glücklich wäre, wenn er wie Tatums linke Hand spielen könnte. Alle wüssten, dass Tatum hinsichtlich Technik und so weiter top war. Aber Tatum sei nicht der einzige Musiker, an den man im Zusammenhang mit dieser Musikart denkt. Hinsichtlich einzigartiger Stile und ihres Einflusses sei Tatum tatsächlich gar nicht einer jener Musiker, die jeder nennt. Tatum sei für ihn ein großer Einfluss, aber Tatum sei ein Solo-Pianist gewesen, während diese Musikart eine Gruppenmusik ist. Das mache einen großen Unterschied. Die Musiker, von denen die Leute sagen, sie hätten den größten Einfluss auf diese Musikart gehabt, seien Parker, Coltrane und Louis Armstrong. Nun könne man nicht sagen, dass Armstrong mehr Technik gehabt hätte als Tatum. Das wäre lächerlich. Dennoch habe Armstrong einen größeren Einfluss auf die Musikart gehabt in Bezug auf die Gruppensache und all das. Dasselbe gelte für Parker und Coltrane. Es sei überhaupt keine Frage, wer mehr Technik hatte. Denn sie hätten in ihrer Ära gehabt, was sie für das, was sie machten, brauchten. So sehe er Monk. Monk habe gehabt, was er für seine spezielle Sache brauchte. Wenn er (Coleman) Ed Blackwell betrachtet, so sage er sich nicht, Blackwell spiele nicht wie Buddy Rich oder so jemand. Er sehe das nicht so. Was Blackwell beitrug, sei für ihn in Bezug auf diese spezielle Sache unverzichtbar.

So sei er zu dem Punkt gelangt, an dem er aufhörte, die Musik bloß in technischer Hinsicht zu betrachten. Er habe begonnen, sie im Hinblick auf Persönlichkeit zu betrachten und darauf, was Leute beitrugen, was sie brachten, was sie der Musikart hinzufügten. Damit ging es für ihn nicht mehr um Technik. Ein Musiker wie Coltrane sei wertvoller gewesen als einer wie Johnny Griffin, selbst wenn Griffin mehr Technik auf dem Saxofon vorzuweisen gehabt haben sollte. Er beschäftige sich nicht damit, ob Chris Potter und all diese Musiker mehr Technik als Coltrane haben. Er frage sich oft, was Coltrane, Parker und all diese Musiker so wertvoll macht. Natürlich sind sie gute Musiker, aber gute Musiker gebe es viele. Es liege auch nicht einfach daran, dass sie sich den Arsch abspielten. Er habe auch festgestellt, dass jüngere Musiker komischerweise den Unterschied nicht verstehen. Sie würden Parker im selben Atemzug erwähnen wie andere Musiker, die nicht im Geringsten an Parker herankommen. Sie würden zum Beispiel sagen: „Oh Charlie Parker. Ich liebe diese großartigen Musiker, Charlie Parker und Antonio Hart.“ Sie würden einfach bloß Namen nennen. [lacht] Man sage dann: „Mann, das ist nicht dasselbe!” [lacht] Aber für sie sei es dasselbe, denn das seien einfach gute Spieler und sie würden diese Musik in einem sehr generellen Sinn betrachten. Sie würden nicht diese spezifische Sprachsache wahrnehmen und so weiter. Sein Vater sei so gewesen und habe ihm das früher auch einmal gesagt. Für seinen Vater sei Parker einfach einer der Saxofonisten gewesen. Sie hätten damals nicht all dieses Genie-Zeug gedacht, das die Musik steigerte, veränderte und so weiter. Sie hätten es so gesehen, dass es da Chu Berry, Lester Young, Herschel Evans und eben auch Charlie Parker gab, der für sie einfach ein weiterer guter Musiker war, wie die anderen auch, ohne Unterschied. Aber heute sehe man das anders. Jetzt betrachte man Parker als diesen Musiker, der neue Wege, eine neue Art zu denken eröffnete und so weiter, und das komme aus dem konzeptuellen Teil der Musik. Deshalb sei er (Coleman) immer mehr vom konzeptuellen Teil angezogen worden und immer weniger an bloßer instrumentaler Virtuosität interessiert gewesen.

Wenn es um instrumentale Virtuosität geht, dann hatten seine Bandkollegen in der That-Jones-Band genug davon. Die hätten ihr Instrument beherrscht. Wenn er sich einen Musiker wie Mark Turner ansieht, dann bestehe kein Zweifel, dass Turner einige Dinge auf dem Saxofon machen kann, die Coltrane nicht konnte, keine Frage. Aber es habe auch in der Vergangenheit Musiker gegeben, die das konnten. Nur spreche man heute nicht mehr von ihnen. Zum Beispiel hätte Earl Bostic das meiste, was Turner macht, nach nichts aussehen lassen. Bostic sei ein Wahnsinn gewesen. Doch, er sage es nicht gern, sei Bostics Musik relativ abgedroschen gewesen. Konzeptuell sei sie nicht im Geringsten an Parkers Musik herangekommen. Was Musiker wie Parker großartig machte, sei, dass sie genug davon hatten, um ihre Musik zum Sprechen zu bringen. Sie seien nicht Musiker gewesen, die bloß herumfummelten und nicht spielen konnten. Sie hätten genug gehabt, um ihre Musik zum Sprechen zu bringen, und hätten eine große Menge von dieser sehr persönlichen Sache gehabt. Er habe erkannt, dass sich das auch bei Von Freeman abspielte. Nach dem Eindruck von Musikern, die nach Chicago kamen, habe Freeman völlig ungehobelt und selbst-beigebracht geklungen. Sie hätten gesagt, dass er verstimmt klinge und so weiter. Er (Coleman) habe gesagt, man solle Freeman wirklich zuhören, denn was er spielte, sei sehr, sehr persönlich. Ja, er spielte diese alten Stücke, wie Don Byas und so weiter, aber man solle genau hinhören, wie er spielte. Doch habe er (Coleman) feststellen müssen, dass die Leute nicht so tiefgehend Musik hören. Es sei ihm klar geworden, dass man auch selbst davon betroffen ist, wenn man seine eigene Musik macht. Die Leute kämmen nicht, um so tiefgehend zu hören.

Die meisten Musiker, die von ihm (Coleman) beeinflusst sind, seien vom Ensembleteil und Kompositionsteil seiner Musik beeinflusst. Er sei sich sicher, dass die meisten von ihnen nur generell, nicht spezifisch hören, was in den einzelnen Improvisationssachen abläuft. Wenn er Musikern Unterricht gibt, beginne er, ähnlich wie seine eigenen Lehrer früher, mit sehr grundlegenden Sachen. Die Musiker würden dann sagen: „Okay, das ist einfach Bebop.“ Sie hätten diese Namen und so weiter. „Das kenne ich bereits. Das interessiert mich nicht.“ Er sage dann, sie würden es nicht so kennen, wie er es ihnen zu zeigen versuche. Diese Musiker würden die Dinge auf einer völlig anderen Ebene hören und es nicht erkennen. Und sie würden dann auch nicht sehen, was das mit dem zu tun hat, was sie in seinem Konzert hören.1)

 

Als junger Musiker habe er gewusst, dass er spielen kann, doch habe sich die Frage gestellt, ob er ein Virtuose in der Art von Michael Brecker und so weiter werden oder seine eigene Sache machen will. Schon sehr früh habe er sich bewusst dafür entschieden, nicht einer zu werden, der bloß über das gesamte Horn fliegen kann und gut klingt. So etwas beruhe einfach auf Übung. Man könne das machen. Er wolle es nicht herabsetzen und nicht sagen, dass es leicht wäre. Aber angesichts der Anzahl von Musikern, die das machen, könne man sehen, dass es leichter ist, als nach sich selbst zu klingen. Es gebe mehr Musiker, die über das gesamte Horn fliegen können, als Musiker, die nach sich selbst klingen. Nach-sich-selbst-Klingen hänge davon ab, wer spricht. Es gebe Musiker, die in seinen Augen konventionelle Schultypen sind und doch glauben, dass sie nach sich selbst klingen beziehungsweise originell sind, einige originelle Ideen haben. Er könne das nicht wirklich bestreiten, aber die Musiker, die er mochte, hätten einen Beitrag zu dieser Musikart gemacht, der so bedeutend war, dass sie irgendwie den Verlauf der Musik veränderten – nicht weil sie den Verlauf ändern wollten, sondern einfach weil ihr Beitrag so individuell und stark war, dass er eine Kursänderung ergab.2)

 

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  1. QUELLE: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 6: Early Coleman, Part III, Audio im Abschnitt 03:12 bis 11:00 Minuten/Sekunden, veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net
  2. QUELLE: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 12: Sounding Like Yourself, Audio 2 im Abschnitt 03:53 bis 05:24 Minuten/Sekunden, veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net

 

 

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