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Schon lange vor 1900 und bis in den 1920er Jahren war es in amerikanischen Shows üblich, mit Blackface – schwarz angemaltem Gesicht – die afro-amerikanische Minderheit zu verspotten, und zugleich wurde ihre Musik nachgeahmt.1) Trotz aller Verachtung und Diskriminierung übte afro-amerikanische Musik einen starken Einfluss aus – auf die Country-Musik der „weißen“ Landbevölkerung und auf die moderne Tanz- und Unterhaltungsmusik. In New Orleans, an der Südküste der USA, spielten einige „weiße“ Bands in der Art der afro-amerikanischen Blasmusik, die es dort gab, leugneten aber die Herkunft ihrer Musik. Eine dieser Bands kam nach Chicago im Norden und wurde 1917 für Tanzveranstaltungen in einem New Yorker Nobelrestaurant engagiert. Ihre Musik wurde dort als aufregend neuartig empfunden, auf Schallplatten aufgenommen und die waren dann international erfolgreich. Die Band nannte sich Original Dixieland Jazz Band und brachte damit den Ausdruck „Jazz“ in die Musik. Er kam aus dem Sport und bedeutete so viel wie Elan, Kraft, Schwung. Ausdrucksstark, schwungvoll oder kunstvoll war die Musik dieser Band nicht, eher Klamauk.2)
MUSIK: Original Dixieland Jazz Band: Livery Stable Blues (1917)
„Jazz“ wurde zu einem Modewort, mit dem so unterschiedliche Sachen bezeichnet wurden, dass es keine bestimmte Bedeutung hatte – nach einer Aussage des Komponisten George Gershwin im Jahr 1926.3) Zum Beispiel wurde ein Entertainer4) als „der Jazz-Sänger“ berühmt, nachdem er die Hauptrolle eines Films mit dem Titel „The Jazz Singer“ spielte. Besonders kam an, wie er im Film mit Blackface (schwarz angemaltem Gesicht) das Lied „My Mammy“ sang. Nach dem Liedtext sehnte er sich, endlich wieder einmal seine „Mammy“ in Alabama aufzusuchen. Alabama war ein typischer ehemaliger Sklavenstaat und „Mammy“ eine typische Figur in der Darstellung von Afro-Amerikanern: eine dicke, dunkelhäutige, hingebungsvolle Dienerin, die die Kinder der „weißen“ Herrschaft aufzog.
MUSIK: Al Jolson: My Mammy (1927)
Weder dieses Lied noch sonst etwas im Film war Jazz im heutigen Sinn.5) Übrigens war es dieser Blackface-Entertainer, der der Original Dixieland Jazz Band 1917 zu ihrem Auftritt in New York verhalf.
Der Einfluss afro-amerikanischer Musik war allgegenwärtig, aber in originaler Form wurde sie weitgehend ausgegrenzt – in den Südstaaten mit aller Härte, gestützt auf die dort geltenden so genannten „Rassentrennungs“-Gesetze. In den Großstädten des Nordens war die Ausgrenzung weniger rigoros und erfolgte durch die sozialen Verhältnisse und Geschäftspraktiken. Von afro-amerikanischen Musikern wurden erst spät regelmäßig Schallplatten aufgenommen und die waren dann noch lange außerhalb der afro-amerikanischen Armenviertel kaum erhältlich. Man musste in die mitunter gefährlichen Ghettos fahren, wenn man diese Musik erleben wollte. Manche „weißen“ jungen Leute taten das – meistens, um sich zu vergnügen. Einige hatten als Musiker Interesse an dieser Musik und ahmten sie nach. Und einzelne begannen, über diese Musik zu diskutieren, zu schreiben, Vorträge zu halten und sich damit als so genannte Jazz-Kritiker zu etablieren. Durch sie erhielt der Jazz-Begriff eine ernsthafte, kulturell relevante Bedeutung und allmählich setze sich unter ihnen die Auffassung durch, dass Jazz eine kunstvolle, ihrem Wesen nach afro-amerikanische Musiktradition ist.6)
Nun beginnt Jazz nicht mehr mit der Original Dixieland Jazz Band. Sie war nur eine Randerscheinung einer langen Entwicklung, die mit der Geschichte der afro-amerikanischen Minderheit verwoben ist und zu Louis Armstrongs Aufnahmen der 1920er Jahre führt – den ersten Meisterwerken des Jazz.
MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Seven: Willie The Wheeper (1927)
Die Jazz-Kritiker vertraten allerdings auch viele Ansichten, die sich später als unhaltbar erwiesen. Sie waren nun einmal keine Insider der Musikkultur, die sie entdeckt hatten, und projizierten viel aus persönlichem Ehrgeiz in die Musik.7) Auch war ihr Einfluss begrenzt. Weiterhin wurde sehr unterschiedliche Musik als Jazz bezeichnet, das Spektrum im Laufe der Jahrzehnte sogar noch ausgedehnt. Unzählige Mischungen entstanden – mit populärer, klassischer, nicht-westlicher Musik. Jazz insgesamt hat keinen einheitlichen Charakter und die Bezeichnung „Jazz“ garantiert keineswegs künstlerische Qualität. Viele bedeutende Musiker der afro-amerikanischen Tradition lehnten „Jazz“ als missverständliche, vom „weißen“ Musikbetrieb aufgezwungene Bezeichnung ab.8)
Die afro-amerikanische Tradition, die eine Art Kern im weiten Jazz-Bereich bildet, hat hingegen einen spezifischen Charakter und wird von einer Reihe herausragender Meister repräsentiert, die mit Louis Armstrong begann. Es ist diese Linie der Meister, die den älteren hochentwickelten Musikkulturen der Erde eine weitere hinzugefügt hat – eine, die heute noch zeitgemäß ist. Jazz-Kenntnisse sollten sich vor allem auf diese Linie der Meister konzentrieren. Darüber hinaus kann man sich für alles Mögliche interessieren und jede Musik hören, die einen anspricht. Aber Grundkenntnisse über die Tradition der Meister sind für ein fundiertes Jazz-Verständnis unentbehrlich.
Um die Entstehung dieser Tradition geht es im nächsten Video.
Quellenangaben und viele weitere Informationen findet man im Video-Text. Ein
Link steht unten.
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