Quellenangaben und weitere Informationen
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MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Seven: Wild Man Blues (1927)
Louis Armstrong und seine Band spielten Instrumente, die aus der europäischen Musikkultur stammen (ausgenommen Banjo und Schlagzeug), aber ihre Musik klingt nicht europäisch – nicht klassisch europäisch und auch nicht nach europäischer Volksmusik. Sie ist vielmehr von der Kultur der afro-amerikanischen Minderheit geprägt, die auch die weiteren Musikarten aus den USA maßgeblich beeinflusste – Rock, Pop, Hip-Hop und so weiter.1)
Diese Minderheitenkultur oder Subkultur wurde lange Zeit kaum beachtet. Erst spät kamen Aufnahmen von ihr zustande.2) Nur durch Berichte und Rückschlüsse ist vorstellbar, wie sie ursprünglich klang, wie sie sich nach der Sklavenbefreiung innerhalb einiger Jahrzehnte vielfältig entwickelte und Louis Armstrongs Jazz-Tradition hervorbrachte. Doch zumindest in groben Zügen ergibt die Forschung ein klares Bild:
Die aus Afrika verschleppten Sklaven konnten ihre afrikanischen Musiktraditionen in den USA letztlich nicht bewahren – unter anderem, weil ihnen der Besitz von Trommeln verboten wurde, damit sie sich nicht damit verständigen und zu Aufständen aufrufen konnten. Sie entwickelten neue Spielweisen, angepasst an ihre Möglichkeiten und entsprechend ihrem mitgebrachten Musikverständnis. Ihre Musik klang nicht mehr afrikanisch, unterschied sich jedoch auch deutlich von der Kultur der „weißen“ Herren und in ihren grundlegenden Eigenschaften blieben die afrikanischen Wurzeln erkennbar.3)
Sklaven sangen und tanzten auf Plantagen viel. Trommeln wurden durch Klatschen, Fußstampfen, Schlagen kleiner Gegenstände ersetzt. Auch wurden oft Saiteninstrumente gespielt – selbst gebaute Fiedeln und das von Sklaven entwickelte Banjo. Sie spielten nach dem Gehör und aus dem Gedächtnis, erfanden Melodien und wandelten sie ab. Rhythmus spielte eine zentrale Rolle und auch auf einen starken stimmlichen Ausdruck kam es an.4)
Im Jahr 1865 endete der amerikanische Bürgerkrieg. Die Nordstaaten besiegten die Südstaaten und schafften auch dort die Sklaverei ab. Die Sklaven wurden damit offiziell frei. Aber nachdem die Truppen der Nordstaaten abgezogen waren, wurde die Unterdrückung und Ausbeutung auf den Plantagen und Farmen wieder verstärkt. In der Sklaverei war Lesen- und Schreiben-Lernen verboten, familiäre Beziehungen wurden zerrissen, Gewalt und Demütigung traumatisierten und nach der Sklavenbefreiung zerstörte die neuerliche Unterdrückung die Hoffnung auf bessere Zeiten. Die ehemaligen Sklaven und ihre Nachfahren waren bitterarm, ungebildet, oft verwahrlost und psychisch schwer belastet. Musik, Tanz und Spiritualität hatten ihnen schon in der Sklavenzeit geholfen zu überleben und die nutzten sie weiterhin, unter anderem in den Sanctified-Kirchen. In der folgenden Aufnahme ist eine ländliche Kirchengemeinde im südlichen Bundesstaat Louisiana zu hören.
MUSIK: Joe Washington Brown, Austin Coleman & Group: Run, Old Jeremiah (1934)
Louis Armstrong und viele andere Jazz-Musiker, auch spätere, erlebten in ihrer Kindheit Gottesdienste der Sanctified-Kirchen.5) Die pulsierende Dynamik und die Art, wie in solchen Kirchen Spirituals (Kirchenlieder) gesungen wurden, beeindruckten sie tief. Die einzelnen Gläubigen sangen die Liedmelodien oft unterschiedlich. Eine Stimme konnte sich leidenschaftlich über die anderen erheben und in frei gewählter Tonlage eine Übermelodie singen oder es warf jemand eine Äußerung ein, die Ergriffenheit ausdrückte. So entstand ein rauer, nicht auf Wohlklang ausgerichteter, emotionaler Gesang, der jedem Einzelnen Raum gab und zugleich für ein starkes Gemeinschaftsgefühl sorgte.6)
MUSIK: The Elders McIntorsh & Edwards’ Sanctified Singers: Since I Laid My Burden Down (1928)
Auf einen ergreifenden Ausdruck der Singstimme wurde auch im weltlichen, „Blues“ genannten Bereich der afro-amerikanischen Volksmusik großer Wert gelegt. Folgender ländlicher Blues-Gesang wurde viel später, in den 1970er Jahren aufgenommen, spiegelt aber eine weit zurückreichende Tradition wider.
MUSIK: Jack Owens & Bud Spires: Can't See, Baby (1970)
Manche verschafften sich ein freieres Leben, indem sie als Musiker umherzogen. String-Bands – also Bands mit Saiteninstrumenten (Banjo, Fiedel, Gitarre) – verbreiteten ihre Rags, die zum Tanzen anregten. Rags und Blues waren ursprünglich nicht voneinander getrennt.7)
MUSIK: Gus Cannon: Madison Street Rag (1927)
Mit einfachen Mitteln wurde intensive Musik gemacht.
MUSIK: Birmingham Jug Band: Cane Brake Blues (1930)
Aufgrund der weiterhin unmenschlichen Lebensbedingungen auf den Plantagen und Farmen wanderten viele Afro-Amerikaner vom Land in die Städte, wo sie dann die unterste, verachtete soziale Schicht bildeten. Sie brachten ihre Art zu musizieren mit und entwickelten sie weiter. Mehr Instrumente, neue Anregungen und mehr musikalische Kenntnisse standen dort zur Verfügung. Die nutzten sie auf ihre eigene Weise.8)
Manche gelangten an ein Klavier, übertrugen ihre Banjo-Rags auf dieses Instrument und entwickelten so eine rhythmische Art, nach dem Gehör Klavier zu spielen. Ihr Spiel war in Kneipen gefragt und entwickelte sich rasch weiter. Hier ist ein Beispiel für einen rauen Piano-Rag.
MUSIK: Cow Cow Davenport: Atlanta Rag (1929)
Ein späterer, virtuoser Pianist, der nicht Noten lesen konnte, „ver-ragt“ in der nächsten Aufnahme Ludwig van Beethovens Mondscheinsonate. Auf ähnliche Weise bearbeiteten Pianisten in Kneipen schon viel früher verschiedenste Melodien.
MUSIK: Donald „The Lamb“ Lambert: Moonlight Sonata (1960)
Pianisten mit Notenkenntnissen verfassten Kompositionen im Stil der Rags und die wurden dann in Form von Notenblättern und Klavierrollen für mechanische Klaviere verkauft. Damit konnte man mehr Geld verdienen als durch das Spielen in Kneipen. Schallplatten gab es noch nicht. Diese „Ragtime“ genannten Kompositionen in Notenschrift blieben bis heute erhalten – im Gegensatz zum mehr oder weniger improvisierten Klavierspiel in Kneipen. Daher wird der Begriff „Ragtime“ heute meistens nur mehr auf die notierten Klavierkompositionen bezogen.9)
MUSIK: Scott Joplin: Maple Leaf Rag (1916, Klavierrolle)
Ragtime wurde nicht nur auf dem Klavier gespielt, sondern in den unterschiedlichsten Besetzungen10), zum Beispiel von einem afro-amerikanischen Society-Orchester in einem glamourösen New Yorker Varieté, das „weißen“ Besuchern vorbehalten war. In der folgenden frühen und dementsprechend schlechten Aufnahme spielt dieses Orchester einen Rhythmus, der afro-kubanischen und afrikanischen Charakter hat.11)
MUSIK: James Reese Europe's Society Orchestra: Castle House Rag (1914)
Louis Armstrong bezeichnete seine Musik ursprünglich als Ragtime. Er wurde 1901 in New Orleans geboren. Seine Eltern – Nachkommen von Sklaven – waren von Plantagen in die Stadt gezogen. Bei seiner Geburt hatte sein Vater die Familie bereits verlassen. Seine Mutter war 15 Jahre alt, völlig mittellos und musste zeitweise von Prostitution leben. So wuchs Louis Armstrong im Rotlichtviertel auf – nicht im bekannten Storyville, sondern im wesentlich schäbigeren afro-amerikanischen Vergnügungsviertel – umgeben von Kriminalität und Gewalt. Schon als Kind trieb er sich meistens auf der Straße herum, verließ sein Viertel aber selten, denn außerhalb war er als Unterschicht-Junge mit dunkler Hautfarbe von rassistischer Gewalt bedroht. Radio gab es damals noch nicht. Sein Musikgefühl und seine musikalischen Fähigkeiten wurden vor allem von der Minderheitenkultur seiner Nachbarschaft geprägt.12)
Diese Kultur hatte – im städtischen Umfeld – auch bereits verfeinerte musikalische Qualitäten integriert. Zum Beispiel gab es viele unbegleitete Gesangsgruppen, die mehrstimmig anspruchsvolle Harmonien gestalteten. Oft wetteiferten sie um besonders spannungsvolle, bestechende Klänge im Sinn ihrer Blues-Ästhetik. Sie entwickelten sie nicht anhand von Noten, sondern durch Experimentieren mit der unmittelbaren klanglichen Wirkung ihres Gesangs.13)
MUSIK: Norfolk Jubilee Quartet: Didn't It Rain (1937)
Die Erfahrungen in solchen Gesangsgruppen bildeten eine Grundlage für das Zusammenspiel im frühen Jazz. Louis Armstrong gehörte schon als 11-Jähriger einem Gesangsquartett an, das auf der Straße auftrat, um ein wenig Kleingeld von Passanten zu sammeln. Später sagte er, Singen und Trompete-Spielen seien für ihn dasselbe.14)
MUSIK: Louis Armstrong and His Orchestra: Basin Street Blues (1928)
Lange Zeit war Musik bei Weitem nicht so leicht verfügbar wie heute. Um 1900 war Live-Musik noch unersetzlich. Es war das goldene Zeitalter der Marschkapellen. Sie waren für große Veranstaltungen, auch im Freien, lautstark genug. Fast jedes Dorf hatte mindestens eine. Sie spielten nicht nur für Paraden, sondern für viele verschiedene Feste, und hatten nicht nur Märsche im Repertoire, sondern auch Tanzmusik, oft im damals modernen Ragtime-Stil.
In New Orleans gab es die Bevölkerungsgruppe der „farbigen Kreolen“ – Afro-Amerikaner mit eher hellerer Hautfarbe (aufgrund gemischter Abstammung), die schon in der Zeit der Sklaverei frei gewesen waren. Sie legten auf Bildung und bürgerlichen Lebensstil Wert und hatten Marschkapellen nach dem Vorbild der „Weißen“. Die Musiker der „schwarzen“ Unterschicht schauten sich einiges von der kreolischen Konkurrenz ab, pflegten aber ihre eigene, Blues-gefärbte Blasmusik. Wie die geklungen haben dürfte, lässt folgende, viel später entstandene Aufnahme erahnen.15)
MUSIK: Unbekannte Uptown Brass Band: Bourbon Street Parade (1957, aufgenommen von Samuel Charters)
Durch die Gesetze zur so genannten „Rassentrennung“ wurden die „farbigen Kreolen“ auf dieselbe unterste soziale Stufe gestellt wie die so genannten „schwarzen“ Afro-Amerikaner. Ihre Musik und ihre Bands vermischten sich allmählich.
MUSIK: Eureka Brass Band: Bourbon Street Parade (1951-1957)
Louis Armstrong und seine Vorbilder spielten einerseits in solchen Brassbands auf den Straßen und andererseits in den Tanzbands der Kneipen. Die Tanzbands waren im Grunde String-Bands, verstärkt durch Blasinstrumente und später auch durch das Klavier.16) Solche Bands waren weit verbreitet, bis in den Norden der USA. In der folgenden frühen Aufnahme aus New York ist ein afro-amerikanischer Klarinettist zu hören, dessen Spiel bereits einiges an Jazz-Charakter hatte – noch bevor die Bezeichnung „Jazz“ üblich wurde.17)
MUSIK: Wilbur Sweatman: Down Home Rag (1916)
Wie Musiker in New Orleans Blues, Rags, Spirituals zu einem ausdrucksstarken, swingenden Spiel auf Blasinstrumenten verarbeiteten, das faszinierte Musiker in den Städten des Nordens. So scheint in New Orleans ein besonders wichtiger Beitrag zur Entstehung des Jazz zustande gekommen zu sein.18)
MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Seven: Wild Man Blues (1927)
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