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JAZZ HÖREN – von lateinamerikanischer Musik zu Jazz


          HÖRBEISPIEL: Mighty Sparrow: Play One for Melo (1989)

Das war Calypso-Musik von der Karibik-Insel Trinidad. Eine ältere Form dieser Musikart machte der US-amerikanische Sänger Harry Belafonte in den 1950er Jahren weltbekannt.

Aus Lateinamerika, also aus Mittel- und Südamerika, kamen immer wieder aufregende neue Rhythmen und Klänge, vor allem aus Kuba, aus Brasilien und aus Jamaika, wo der Reggae entstand. Jazz wird mit allen möglichen Arten von Musik kombiniert. So kann man zum Beispiel ein jazziges Saxofon mit programmiertem Reggae-Rhythmus hören.

          HÖRBEISPIEL: Courtney Pine: Kingston (1992)

Das ist kein kunstvoller Jazz und wenn es um Reggae geht, können knallige elektronische Sounds und ein bisschen Jazz nicht die alte, seelenvolle Musik aus Jamaika ersetzen.

          HÖRBEISPIEL: Culture: See Them a Come (1976)

So reizvoll dieser Song mit seinem smarten Rhythmus auch ist: Seine Melodie ist einfach und er wiederholt sich, wie es bei Songs üblich ist. Das macht ihn eingängig und gut zum Tanzen. Aber er erschöpft sich bald, wenn man näher hinhört. Jazz kann hingegen spannend bleiben, wenn seine Improvisationen fesselnd sind. Eine leicht zugängliche Improvisation kann man im folgenden Stück hören. Hier variiert auch der Reggae-Rhythmus ein wenig in der Art des Jazz.

          HÖRBEISPIEL: Pharoah Sanders: Oh Lord, Let Me Do No Wrong (1987)

Auch in diesem Stück dient der Reggae-Rhythmus dazu, Jazz mit populärer Musik zu verbinden. Einen tiefergehenden Einfluss auf den Jazz hat die Musik aus Jamaika nicht ausgeübt.

Aus Kuba erhält der Jazz hingegen schon lange starke Impulse und so gibt es viele interessante Kombinationen von kubanischer Musik und Jazz, zum Beispiel in folgender Aufnahme des Jazz-Trompeters Dizzy Gillespie, der früh und intensiv an einer Verbindung der beiden Musikkulturen gearbeitet hat.1)

          HÖRBEISPIEL: Dizzy Gillespie: Carambola (1950)

Noch früher verarbeitete der Bigband-Leiter Duke Ellington kubanische Einflüsse auf folgende farbenprächtige, kunstvolle Weise.

          HÖRBEISPIEL: Duke Ellington: Moon Over Cuba (1941)

Eine extrem heiße Mischung ist in folgender Live-Aufnahme der kubanischen Bigband Irakere zu hören.

          HÖRBEISPIEL: Irakere: Ilyá (1978)

Im nächsten Stück spielt der amerikanische Trompeter Roy Hargrove eine verfeinerte, elegante Form von kubanisch inspiriertem Jazz.

          HÖRBEISPIEL: Roy Hargrove: Mr. Bruce (1997)

Das ist kein besonders innovativer Jazz, sondern mehr das ausgefeilte Ergebnis eines jahrzehntelangen Experimentierens von Vorgängern, amerikanischen und kubanischen. Für das Verschmelzen der beiden Musikkulturen gab es viele Ansatzpunkte, denn sowohl die afro-amerikanische als auch die afro-kubanische Musik ist vielfältig und sie haben gemeinsame afrikanische Wurzeln. Diese Wurzeln verbinden sie auch mit dem Reggae und anderer Musik aus der Karibik, zum Beispiel mit Calypso aus Trinidad, und vor allem auch mit viel Musik aus Brasilien, wohin besonders viele Afrikaner als Sklaven verschleppt wurden.

In den 1950er Jahren entstand in Brasilien die Bossa-Nova-Musik, und zwar auf folgende Weise: Gebildete Musiker, die von Europäern abstammten, entnahmen Rhythmen aus der Samba-Musik der afro-brasilianischen Bevölkerung. Sie dünnten die Rhythmen aus und verbanden sie mit weichen Klängen und reichen Harmonien. Nachdem diese feine, rhythmische Musik um 1960 internationales Interesse weckte, starteten einige amerikanische Jazz-Musiker Kooperationen mit Bossa-Nova-Musikern und wurden damit recht erfolgreich.

          HÖRBEISPIEL: Stan Getz/João Gilberto/Antônio Carlos Jobim: Doralice (1963)

Bald darauf machte der deutsche Jazz-Kritiker Joachim-Ernst Berendt den „klassisch“ ausgebildeten brasilianischen Gitarren-Virtuosen Baden Powell in Europa bekannt. Baden Powell spielte eine schärfere brasilianische Musik, die manchmal ein wenig von Jazz beeinflusst war und viel afro-brasilianischen Rhythmus mitbrachte.

          HÖRBEISPIEL: Baden Powell: Improvisation Before Breakfeast (1971)

Baden Powell griff die religiöse, mystische Seite der afro-brasilianischen Volksmusik auf und auch ihre ausgelassene Karneval-Variante, wie im folgenden Stück. Die kichernden Klänge kommen von einem Instrument der Samba-Musik, das Cuica genannt wird.

          HÖRBEISPIEL: Baden Powell: Qua Quará Qua Quá (1970)

Samba-Rhythmen gelangten zunächst vor allem durch populäre brasilianische Songs in den Jazz, zum Beispiel durch folgenden Hit der 1960er Jahre.

          HÖRBEISPIEL: Sérgio Mendes: Mas Que Nada (1966)

Dizzy Gillespie improvisierte über diesem Song zum Beispiel so.

          HÖRBEISPIEL: Dizzy Gillespie: Mas Que Nada (Pow, Pow, Pow) (1967)

Dizzy Gillespie spielte solche Musik nicht bloß, weil lateinamerikanisches Flair gefragt war. Er hatte eine tiefgehende Beziehung zu diesen letztlich aus Afrika stammenden Rhythmen. Im Jahr 1956 konnte er eine Südamerika-Tournee unternehmen und kam so zum ersten Mal nach Brasilien. Dabei lernte er die Musik einer Samba-Gruppe kennen und war begeistert. Sofort ergriff er die Gelegenheit, mit Samba-Musikern und einem afro-brasilianischen Arrangeur zusammenzuarbeiten. Davon wurde folgende Aufnahme gemacht, die allerding erst viel später veröffentlicht wurde. So war Dizzy Gillespie in Wahrheit der erste Jazz-Musiker, der mit solchen Rhythmen spielte – Jahre bevor andere auf die Bossa-Nova-Welle aufsprangen.

          HÖRBEISPIEL: Dizzy Gillespie: Cepao’s Samba (1956)

Um 1970 begannen manche Jazz-Musiker verstärkt elektrische Instrumente und rockige Rhythmen einzusetzen, um nicht den Anschluss an den Musikgeschmack junger Leute zu verlieren – so auch der Saxofonist Wayne Shorter. 1974 machte er Aufnahmen, an denen auch junge brasilianische Musiker beteiligt waren, allen voran der Sänger Milton Nascimento.

          HÖRBEISPIEL: Wayne Shorter: Lilia (1974)

Eine sehr jazzige, kunstvolle Adaption afro-brasilianischer Rhythmen ist im folgenden Stück des brillanten, innovativen Trompeters Woody Shaw zu hören.

          HÖRBEISPIEL: Woody Shaw: The Legend of the Cheops (1977)

Ich kam in jungen Jahren von brasilianischer und kubanischer Musik zum Jazz. Zunächst störte mich der geradlinige Beat des älteren Jazz. Ich fand ihn im Vergleich zu den lateinamerikanischen Rhythmen monoton. Dann stieß ich aber auf folgende Aufnahme des Jazz-Pianisten McCoy Tyner.

          HÖRBEISPIEL: McCoy Tyner: Love Samba (1974)

Diese wilde, wirbelnde Musik war für mich aufregend, aber auch verwirrend. Ich wechselte zwischen solcher Musik und den vielen Songs, die ich mochte, hin und her. Im Laufe der Zeit wurde mir der Jazz vertrauter und der Reiz der Songs nahm ab. Allmählich erkannte ich auch, dass der gleichförmige Beat des älteren Jazz nur die Basis bildet. Darüber wird eine Menge Rhythmus erzeugt, der sich ständig verändert. Viel davon läuft im Spiel der Melodie-Instrumente ab, besonders im Spiel eines so großartigen Meisters wie des Saxofonisten Charlie Parker.

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Bird Of Paradise (1949)

Meine alte Liebe zu lateinamerikanischen Rhythmen half mir schließlich, Zugang zu einer extrem spannenden, neuen Form von Jazz zu finden, die der Saxofonist Steve Coleman entwickelte. Hier verschiebt sich das rhythmische Geflecht in sich laufend und dadurch erhält der Rhythmus ständig neue Facetten. Diese Musik wurde für mich zu einem weiteren Höhepunkt in meiner langen musikalischen Entdeckungsreise.2)

          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and Five Elements: Wheel of Nature (2001)

  

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