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JAZZ GRUNDKENNTNISSE – 6. Kneipen & Partys


Quellenangaben und weitere Informationen in den Fußnoten!

Große Tanzveranstaltungen und Shows waren das Geschäft der Bigbands. In Kneipen spielte oft ein Pianist alleine. Die früheren Piano-Rags waren weiterentwickelt worden. Ihr Grundmuster wurde jedoch auch in den 1930er Jahren beibehalten und mit der so genannten Stride-Piano-Technik erzeugt, bei der die linke Hand ständig zwischen einem Basston und einem Akkord hin und her springt. Dieses Muster wird mit der rechten Hand vielfältig überlagert, sodass über einem einfachen, eingängigen Grundrhythmus eine anregende Musik entsteht.1)

          MUSIK: Fats Waller: Handful of Keys (1928)

Die afro-amerikanische Arbeiterschicht in den Großstädten des Nordens (New York, Chicago und so weiter) wurde schlecht bezahlt und hatte hohe Mieten für schlechte Wohnungen zu bezahlen. Eine verbreitete Methode, das fehlende Geld für die Miete aufzutreiben, war in den 1920er und 30er Jahren die so genannte Rent-Party – ein Fest mit Musik und Tanz in der Wohnung gegen Eintrittsgeld und mit Verkauf von selbstzubereiteten Speisen und Getränken mit Alkohol. Für die Musik sorgte auch hier ein Pianist, eventuell verstärkt durch weitere Instrumente (etwa Schlagzeug und Saxofon). In der folgenden Aufnahme parodiert der Pianist Fats Waller, der oft auf Rent-Partys spielte, ein solches rauschendes Fest.

          MUSIK: Fats Waller: The Joint Is Jumpin' (1937)

Die Möglichkeiten, sich zu vergnügen und ein wenig den trostlosen Alltag zu vergessen, waren rar. Partys und Kneipen mit Musik und Alkohol waren gefragt und dort blühte eine erstaunliche Klavierkunst, angetrieben von Wettkämpfen zwischen den Pianisten, die sich dort einfanden.2) Als überragender Meister erwies sich Art Tatum. Er spielte nicht nur mit spektakulärer Virtuosität, sondern auch mit faszinierendem Ideen-Reichtum, stark erweiterter Harmonik, diffiziler Rhythmik und bezauberndem Ausdruck. Sein kunstvolles Spiel ging weit über den Stride-Piano-Stil hinaus, diente nicht mehr als Tanzmusik, sondern bannte aufmerksame Zuhörer.3)

          MUSIK: Art Tatum: The Shout (1934)

Schon vor Art Tatum lockerte Earl Hines den strammen Stride-Piano-Rhythmus auf – allerdings in einem anderen Kontext: Earl Hines spielte meistens in Bands, unter anderem mit Louis Armstrong, und hier war das Bereitstellen eines eingängigen Grundrhythmus nicht die alleinige Aufgabe des Pianisten. Das machte ihn freier. Außerdem regte ihn das Spielen in Bands an, mit der rechten Hand prägnante Melodielinien zu gestalten, die denen der Bläser ähnelten und laut genug waren, um aus dem Ensemble-Klang hervorzutreten. Verstärkeranlagen waren dafür noch nicht üblich. Seinen neuartigen Stil führte Earl Hines auch in Solo-Aufnahmen vor.4)

          MUSIK: Earl Hines: 57 Varieties (1928)

Art Tatum war an Earl Hines Aufnahmen interessiert, befand sich selbst aber in einer ganz anderen Situation: Während Earl Hines mit eigener Bigband in glanzvollen Shows eines Chicagoer Nachtklubs vor einem zahlungskräftigen, größtenteils „weißen“ Publikum auftrat, spielte der fast völlig blinde Art Tatum meistens solo in kleinen Lokalen. Er war in seinem Spiel relativ frei, weil er weder Shows noch Tanzveranstaltungen diente. Jahrelang war er hauptsächlich in der Musikerszene bekannt, die in diesen Lokalen verkehrte, und selbst als er später in Konzerten umjubelt wurde, kehrte er nach seinen Auftritten in die Insider-Kneipen zurück, wo er sich wohler fühlte und die ganze Nacht lang weiterspielte, oft auf schlechten Klavieren.5)

          MUSIK: Art Tatum: Mighty Lak A Rose (1941)

Wurde Art Tatum nicht von Erwartungen eingeschränkt, erkundete er mitunter abenteuerliche harmonische Gefilde und klang regelrecht avantgardistisch.

          MUSIK: Art Tatum: Tenderly (1953)

Wie die Stride-Pianisten interpretierte Art Tatum populäre Songs, Stücke aus der so genannten „leichten Klassik“, ein wenig Boogie-Woogie und Blues und löste sich dabei nicht – wie spätere Pianisten – völlig von der Songmelodie, sondern umkreiste sie ständig. Wie er sie in immer wieder neuen harmonischen und rhythmischen Facetten zum Schillern brachte, ist große Kunst. Die Songmelodien führen durch seine anspruchsvolle Klangwelt und machen sie zugänglich.

Art Tatum hatte sich das Klavierspielen im Wesentlichen selbst beigebracht, nicht anhand von Noten, er war ja fast völlig blind, sondern durch Radio- und Schallplatten-Hören, Nachahmen und Experimentieren. Das trainierte sein Gehör und sein Gedächtnis.6)

          MUSIK: Art Tatum: Taboo (1953)

Die gesamte weitere Jazz-Geschichte hindurch bewunderten andere Meister Art Tatum und ließen sich von seiner Kunst inspirieren – nicht nur Pianisten, unter anderem auch berühmte Saxofonisten. Dennoch steht Art Tatum in dieser Musikkultur nicht in der allerersten Reihe – aus folgenden Gründen: Sein Klavierspiel war – der Stride-Piano-Tradition entsprechend – nicht auf Dialog mit anderen Musikern ausgerichtet und kommt am besten zur Geltung, wenn er alleine zu hören ist. Hin und wieder spielte er längere, fließende Melodie-Linien, was in der Stride-Piano-Tradition noch nicht üblich war. Doch lag der Schwerpunkt seiner Kunst eindeutig auf der harmonischen und rhythmischen Gestaltung. Den höchsten Stellenwert haben in der afro-amerikanischen Jazz-Tradition aber ausdrucksstarke rhythmisch-melodische Linien im Zusammenspiel mit einer Band. Das war stets die Domäne von Blasinstrumenten.7)

Art Tatum zu hören kann jedenfalls auch heute die Musikerfahrung wunderbar erweitern.

          MUSIK: Art Tatum: Isn't This A Lovely Day (1953)

 

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