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8.) Jazz-Stile: 1940-1960 --- FÜR DIE SCHULE


Die seichte, von „weißen“ Stars dominierte Swing-Popmusik war den Jazz-Kritikern zunehmend suspekt und als sie in den 1940er Jahren eine Szene junger Afro-Amerikaner entdeckten, die in kleinen Gruppen eine ganz andere, sehr anspruchsvolle Art von Jazz spielten, da sahen die Kritiker darin einen neuen Stil. Sie nannten ihn Bebop und deuteten ihn als revolutionäre Gegenreaktion zum Swing-Geschäft. Aber so war diese Musik nicht gemeint. Schon lange davor trafen sich Jazz-Musiker regelmäßig in bestimmten Kneipen – nachts, nach ihren Jobs im Unterhaltungsgeschäft – um zwanglos miteinander zu spielen, sich auszutauschen und sich zu messen. In den späten 1930er Jahren wollten Jazz-Fans hören, was die Musiker bei ihren Treffen spielen. Einige New Yorker Lokale engagierten deshalb kleine Bands und ließen die Musiker weitgehend so spielen, als wären sie unter sich. Auf diesen Bühnen konnten später die jungen Musiker ihre neuen Spielweisen präsentieren, die die Jazz-Kritiker Bebop nannten. Diese Musik war für ein größeres Publikum zu schwierig und dementsprechend wenig erfolgreich. Auch Jazz-Kritiker hatten erhebliche Schwierigkeiten mit ihr und noch heute wird sie in den Schulbüchern als hektisch, nervös und zerrissen beschrieben, was pures Unverständnis zeigt. Charlie Parker, der wichtigste Vertreter des so genannten Bebop, spielte nie hektisch, sondern im Gegenteil mit lockerer, zurückgelehnter Lässigkeit – selbst bei hohem Tempo. Seine Improvisationen sind absolut nicht zerrissen, sondern bestehen aus großartigen melodischen Linien, die aufeinander aufbauen und einen regelrecht poetischen Vortrag ergeben. Das geschieht so kunstvoll, dass man es erst mitbekommt, wenn sich ein Gespür für diese besondere Musik entwickelt hat.

Wie erkennt man, was in der Schule als Bebop verstanden wird? Als Merkmale gelten:

  1. Bebop wird in der Regel nicht von Bigbands, sondern von kleinen Bands gespielt. In den Schulbüchern wird für kleine Bands oft der Ausdruck „Combo“ verwendet. Bebop-Bands haben meistens nicht mehr als drei Blasinstrumente. Meistens sind das Saxofone, Trompete und eventuell Posaune.

  2. Im Bebop gibt es in der Regel keine Kollektivimprovisation. Zunächst wird das Thema von den Bläsern unisono vorgestellt. Das Thema ist das Stück, über das improvisiert wird, der Song. Unisono heißt, dass die Bläser die Melodie des Songs im Gleichklang spielen. Im folgenden Beispiel machen das ein Saxofonist und ein Trompeter.
              HÖRBEISPIEL: Charlie Parker All-Stars: Perhaps (1948)
    Nach dem Thema improvisieren die Musiker dann nacheinander, also jeder allein, solo. Dabei werden sie von der Rhythmusgruppe (meistens Klavier, Kontrabass und Schlagzeug) begleitet. Im folgenden Ausschnitt hört man den Übergang vom Thema zum Solo des Saxofonisten.
              HÖRBEISPIEL: Charlie Parker All-Stars: Perhaps (1948)
    Nach dem Saxofon-Solo folgt in dieser Aufnahme das Trompeten-Solo.
              HÖRBEISPIEL: Charlie Parker All-Stars: Perhaps (1948)
    Am Ende wird das Thema wiederholt.

  3. Bebop hat einen klaren Beat und swingt, aber der Beat ist dezent im Hintergrund, denn er wird nur auf dem Kontrabass und auf Becken des Schlagzeugs gespielt. Im folgenden Beispiel hört man Bass und Schlagzeugbecken hinter einem Klavier-Solo.
              HÖRBEISPIEL: Charlie Parker Quintet: Segment (1949)
    Der dezente Beat wird oft von variierenden Akzenten überlagert, die auf dem Schlagzeug und auf dem Klavier gespielt werden. Das macht den Rhythmus komplizierter und unberechenbarer. Bebop eignet sich daher weniger als Tanzmusik und ist auch nicht zum Tanzen, sondern zum Zuhören gedacht. Das rhythmische Gefühl ist aber beim Zuhören sehr wichtig.

  4. Die Harmonik ist komplizierter als in der populären Swing-Musik. Es werden dichtere Akkordfolgen und mehr Dissonanzen verwendet. Das heißt, die Musik klingt spannungsvoller, „schräger“.

Als bedeutende Bebop-Musiker werden in den Schulbüchern neben Charlie Parker (Alt-Saxofon) vor allem genannt: Dizzy Gillespie (Trompete), Thelonious Monk (Klavier), Kenny Clark und Max Roach (beide Schlagzeug).

Diese Musiker und auch die weiteren bedeutenden Musiker der Bebop-Bewegung waren alle Afro-Amerikaner und ihre Musik hat einen ausgeprägten afro-amerikanischen Charakter. Die tonangebenden Jazz-Kritiker waren hingegen „Weiße“ aus besseren Verhältnissen. Ihre Begeisterung für Jazz war ein Ausbrechen aus ihrer bürgerlichen Welt. Letztlich blieben sie aber doch der klassisch-europäischen Bildung verbunden, mit der sie aufgewachsen waren. Um 1950 wurden sie auf junge Musiker aufmerksam, die vom Bebop beeinflusst waren, aber in eine weichere Richtung gingen, mehr zur Ästhetik der „klassischen“ Musik hin. Das sprach die Kritiker sehr an. Sie betrachteten diese Richtung als neuen Stil und nannten ihn Cool Jazz, weil er weniger dicht, weniger rhythmisch, weniger energiegeladen war, also nicht heiß, sondern eher kühl. Cool im Sinn von hip, lässig war diese Musik aber nicht. Zwei Afro-Amerikaner spielten in diesem Bereich eine wesentliche Rolle: Der junge Trompeter Miles Davis, der aus der Band von Charlie Parker hervorging, und der Pianist John Lewis, der der bestimmende Kopf des Modern Jazz Quartets war. Miles Davis machte um 1950 mit einer Reihe weiterer Musiker einige Aufnahmen, in denen neuartige, weiche Klänge domminierten und Arrangements einen großen Raum einnahmen, sodass die Improvisation etwas zurückgedrängt wurde. Diese Aufnahmen erschienen später unter dem Titel Birth of the Cool. Das Modern Jazz Quartet bestand aus Klavier, Vibrafon, Bass und Schlagzeug und hatte schon deshalb einen eher kühlen Klang. Die Musik des Quartetts war ebenfalls zu einem erheblichen Teil arrangiert und oft stark von Barockmusik beeinflusst. Sie kam viele Jahre lang bei einem relativ großen Publikum bestens an, besonders in Europa.

Außer diesen Afro-Amerikanern waren die Musiker, die zum Cool Jazz gezählt wurden, größtenteils „weiß“. Der Pianist Dave Brubeck war besonders erfolgreich. Türkische Volksmusik regte ihn zur Verwendung von ungeraden Taktarten, wie zum Beispiel eines Fünfviertel-Rhythmus, an. Vor allem seine Aufnahme Take Five wurde dafür bekannt. Brubeck und andere Cool Jazzer verliehen sich ein Image europäisch-orientierter Kultiviertheit und sprachen damit besonders Studenten und Bildungsbürgern an. Das schlägt sich noch heute in Schulbüchern nieder, die Cool Jazz als intellektuell bezeichnen und den Musikern ein ernsthaftes Kunstverständnis zusprechen. Ein Schulbuch erklärt: Im Gegensatz zum Bebop sei im Cool Jazz die Leidenschaft gezügelt worden und die Klarheit der Gedanken hervorgetreten. Das schlägt in eine alte Kerbe bedenklicher Vorurteile, nach denen Afro-Amerikaner emotional und wild sind, „Weiße“ hingegen kultiviert und intelligent. In Wahrheit beruht die afro-amerikanische Jazz-Tradition auf außergewöhnlichen intellektuellen Leistungen und ist höchstentwickelte Kultur.

Wie erkennt man so genannten Cool Jazz? Was die Jazz-Kritiker zum Cool Jazz zählten, ist sehr uneinheitlich. Doch beschränken sich die Schulbücher weitgehend auf die genannten Beispiele: Modern Jazz Quartet, Birth of the Cool und Dave Brubeck.
          HÖRBEISPIEL: Miles Davis: Boplicity (1949) Album: Birth of the Cool
          HÖRBEISPIEL: Modern Jazz Quartet: Vendôme (1952)
          HÖRBEISPIEL: Dave Brubeck Quartet: Take Five (1959)

Was am so genannten Cool Jazz innovativ war, ging in Richtung Europa, also weg vom eigenständigen Charakter der Jazz-Tradition. Mitte der 1950er Jahre war im Cool Jazz-Bereich vieles so seicht, dass es auch Jazz-Kritikern nicht mehr geheuer war. Sie sahen sich nach der afro-amerikanischen Szene um und empfanden deren Musik im Vergleich zu Cool Jazz als rauer und härter. Daher sprachen sie von Hardbop und verstanden ihn als neuen Stil. Dabei war die Linie von Musikern wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk nie abgerissen. Die afro-amerikanische Jazz-Szene war vielfältig und so ist Hardbop ein extrem schwammiger Begriff.

Was verstehen die Schulbücher unter Hardbop? Soweit sie Hardbop überhaupt näher behandeln, beschränken sie sich auf eine Art von Jazz, die auf dem so genannten Bebop aufbaute und eingängige Elemente aus der Gospel- und Blues-Musik einsetzte. Damit erreichte sie viele Hörer. Als typische Vertreter werden in Schulbüchern Horace Silver und Art Blakey angeführt. Erkennbar kann ihre Musik am ehesten durch den Sound ihrer eingängigen Themen sein.
          HÖRBEISPIEL: Horace Silver: The Preacher (1955)
          HÖRBEISPIEL: Art Blakey & The Jazz Messengers: Moanin' (1958)
          HÖRBEISPIEL: Art Blakey & The Jazz Messengers: Dat Dere (1960)

Mehrere Schulbücher beschäftigen sich nach dem Cool Jazz mit keinem weiteren Jazz-Stil mehr näher – so als wäre nach der Hinwendung des Cool Jazz zur „klassischen“ europäischen Musik nichts Bemerkenswertes mehr im Jazz zustande gekommen. Andere Schulbücher führen weiter. Dazu im nächsten Video.

 

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