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9.) Jazz-Stile: ab 1960 --- FÜR DIE SCHULE


Charlie Parker war im Grunde genommen ein Blues-Musiker, allerdings auf einem extrem hohen Niveau. Der Zauber seiner Improvisationen besteht nicht einfach darin, dass er die komplizierten Akkordfolgen virtuos bewältigte, sondern dass er darüber mit unglaublicher Gewandtheit wunderbare melodische Linien spielte. Die Freizügigkeit, mit der er das machte, kam aus dem Blues.

Um 1960 erregte der Saxofonist Ornette Coleman Aufsehen. Er ging von Charlie Parkers Musik aus und erweiterte die Freizügigkeit noch beträchtlich. Parkers raffiniertes Spiel mit komplizierten Strukturen warf er über Bord und widmete sich ganz der freien melodischen Gestaltung – wie die ursprünglichen Blues-Musiker auf dem Land, aber eben auf den Jazz angewandt. Viele junge Musiker empfanden das als befreiende Anregung.

Zur gleichen Zeit entwickelte der Pianist Cecil Taylor ein wildes Spiel, in dem sich Harmonien und Rhythmen weitgehend auflösten. Auch das wirkte auf viele als befreiende Anregung. Cecil Taylor und Ornette Coleman hatten ganz unterschiedliche Ansatzpunkte und die wurden dann von anderen Musikern in viele weitere Richtungen fortgeführt. Dennoch verstanden die Jazz-Kritiker sie alle als einen gemeinsamen neuen Stil. Sie nannten ihn Free Jazz.

Den Schulbüchern entsprechend können folgende Merkmale aufgezählt werden:

  1. starke Reduktion der Vorgaben für die Improvisation (vor allem keine Akkordfolgen) und daher weitgehend ungebundene, freie Improvisation
  2. expressive Klänge und Geräusche, die oft weitgehend Melodie, Rhythmus und Harmonie ersetzen
  3. neben Solo-Improvisation auch gemeinsames Improvisieren, also Kollektivimprovisation, aber nicht in der Art des New-Orleans-Jazz
  4. selbst der Ablauf der Stücke bleibt manchmal der spontanen Interaktion überlassen
  5. all das bewirkt, dass Free Jazz nur für sehr wenige Hörer wirklich genießbar ist

Als bedeutende Vertreter des Free Jazz werden in Schulbüchern vor allem Ornette Coleman und John Coltrane genannt. Coltrane war jedoch kein Initiator der Free Jazz-Bewegung und spielte auch nie wirklich „frei“. Er übernahm lediglich gegen Ende seiner Laufbahn die heulenden Saxofon-Klänge aus dem Free Jazz und umgab sich zuletzt mit Free Jazz-Musikern. In zwei Schulbüchern werden auch Charles Mingus und Lennie Tristano als Vertreter des Free Jazz angeführt. Das widerspricht aber der vorherrschenden Auffassung in der Jazz-Literatur.

Free Jazz wird häufig mit der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Verbindung gebracht. Zum Teil wird er sogar als politische Protestmusik gesehen. So verstanden jedoch nur einzelne Musiker ihre Musik. Schon immer nahmen Jazz-Musiker ihre Lage als Afro-Amerikaner sehr bewusst wahr, aber Protest hätte nur zusätzliche Ausgrenzung bewirkt. Auf der anderen Seite projizierten Jazz-Kritiker und andere Jazz-Fans seit jeher oft eigene Unzufriedenheiten mit gesellschaftlichen Verhältnissen auf den Jazz. Politische Deutungen der Musik sind somit fragwürdig.

Wie erkennt man Free Jazz? Bei Folgendem ist alles klar:
          HÖRBEISPIEL: Cecil Taylor Unit: Idut (1978)

Aber Ornette Coleman klingt ganz anders. Er hatte mehrere hübsche Themen und die konnten fast so eingängig wie Kinderlieder sein.
          HÖRBEISPIEL: Ornette Coleman Trio: Dee Dee (1965)

Auch seine Improvisationen wirken oft sehr natürlich.
          HÖRBEISPIEL: Ornette Coleman Trio: Dee Dee (1965)

Bei folgendem Ausschnitt von John Coltrane könnte man eher an Free Jazz denken, aber seine damaligen Aufnahmen werden nicht dazu gezählt.
          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Chasin' The Trane (1961)

Ornette Coleman konnte allerdings auch schwer erträglich klingen.
          HÖRBEISPIEL: Ornette Coleman: Dancing In Your Head (1977)

Free Jazz bleibt ein diffuser Begriff.

In zwei Schulbüchern wird neben dem Free Jazz die brasilianische Bossa Nova-Musik als Jazz-Stil der 1960er Jahre angeführt und als Verbindung von Samba mit Cool Jazz erklärt. Als wichtigste Vertreter werden Antônio Carlos Jobim und Stan Getz genannt. Doch zählt diese Musik höchstens ganz am Rand zum Jazz. Stan Getz war ein US-amerikanischer Saxofonist, der dem Cool Jazz zugerechnet wurde. Er spielte für die Bossa Nova-Songs der Brasilianer einige Soli und machte selbst einige Aufnahmen mit diesen Songs, die kommerziell erfolgreich waren. Das ergibt noch keinen historisch bedeutenden Jazz-Stil. Stan Getz mit Bossa Nova von Antônio Carlos Jobim klingt jedenfalls so:
          HÖRBEISPIEL: Stan Getz, João Gilberto, Antônio Carlos Jobim: Desafinado (1963)

Jazz war schon immer sehr vielfältig. Auch nachdem so anspruchsvolle Formen wie Charlie Parkers Musik entstanden, gab es weiterhin Randbereiche, die in Popmusik übergingen. Jazz-Kritiker wurden von ihnen manchmal angezogen, ein anderes Mal distanzierten sie sich davon. Der Trompeter Miles Davis war ein Meister darin, sein Publikum zu berühren und Jazz-Feeling mit künstlerischem Flair zu vermitteln. Anfang der 1960er Jahre befürchtete er, zum alten Eisen gezählt zu werden, und näherte sich daraufhin ein wenig dem damaligen Free Jazz-Trend an, ohne sich aber ganz darauf einzulassen. Seine Musik wurde schwieriger und er verlor zunehmend den Anschluss an ein großes Publikum. Um 1970 steuerte er dagegen, indem er sich der Rockmusik zuwandte. Er setzte nun E-Gitarren, Keyboards und E-Bass ein und spielte über Rock- und Funk-Rhythmen. Aus seiner Band ging eine Reihe von Musikern hervor, die mit eigenen Bands in die gleiche Richtung gingen. Damit kam die kommerziell erfolgreiche Welle der so genannten Fusion oder des Rock-Jazz ins Rollen.

Hauptmerkmal dieser Musik ist: Im Mittelpunkt stehen Sounds, und zwar die Sounds der elektrischen Instrumente, die damals als sehr modern empfunden wurden. Dazu kommen Rhythmen aus der Tanzmusik. Die musikalische Gestaltung wurde vereinfacht, um für ein Massenpublikum geeignet zu sein. Anhänger eines anspruchsvollen, kreativen Jazz empfanden die Fusion-Welle als Ausverkauf.

In Schulbüchern werden als wichtigste Vertreter genannt: Miles Davis, Herbie Hancock, Chick Corea, John McLaughlin sowie die Band Weather Report um Joe Zawinul und Wayne Shorter.
          HÖRBEISPIEL: Miles Davis: Miles Runs The Voodoo Down (1969)
          HÖRBEISPIEL: Miles Davis: Tatu (1974)
          HÖRBEISPIEL: Herbie Hancock: Chameleon (1973)

Die Fusion war der letzte Jazz-Stil, der in den Augen von Jazz-Kritikern zu einer gewissen Zeit die aktuelle Jazz-Entwicklung repräsentierte. Danach wurden zwar weiterhin neue Stil-Bezeichnungen erfunden, aber die Kritiker sahen keinen einzelnen Stil mehr dominant im Vordergrund.

Damit war die Darstellung der Jazz-Geschichte als Abfolge von Stilen am Ende. Jazz-Kritiker machten dafür oft den Jazz selbst verantwortlich. Er habe in den letzten Jahrzehnten nichts Überragendes mehr hervorgebracht. Das ist nicht richtig. Geendet hat nicht die kreative Weiterentwicklung, sondern lediglich das System der Stil-Kategorien, über das Musiker schon immer den Kopf schüttelten – zu Recht, wie ich im folgenden Video zeigen werde.

 

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