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JAZZ GRUNDKENNTNISSE – 4. Tanz & Solo


Quellenangaben und weitere Informationen in den Fußnoten!

          MUSIK: Bunk Johnson and His Superior Jazz Band: Panama (1942)

So ungefähr dürfte in den 1910er Jahren die typische afro-amerikanische Blasmusik von New Orleans geklungen haben, die schließlich Jazz genannt wurde. Charakteristisch für diese Musik ist das ineinander verflochtene Spiel der Blasinstrumente. Ein Instrument (meistens ein Kornett, also eine Art Trompete) gibt die Melodie des jeweiligen Stücks wieder und wird von weiteren Instrumenten umrankt – von einer Klarinette, einer Posaune und eventuell von einem zweiten Kornett. Dieses Umranken wurde im Spielen nach dem Gehör entwickelt – so wie Afro-Amerikaner seit jeher Melodien erfanden, ausschmückten und abwandelten.1) Insofern war dieses Zusammenspiel improvisiert. Aber in der Praxis lief es dann meistens in ähnlicher Weise ab, war Routine, nicht Improvisation. Daher ist die heute übliche Bezeichnung als „Kollektiv-Improvisation“ nicht ganz richtig. Diese Musik diente vor allem dem Tanzen. Ob sie spontan gestaltet ist oder nicht, darauf kam es nicht an. Auch spielten Soli meistens keine größere Rolle. Manchmal wurden jedoch mit abwechselnden Soli Wettkämpfe ausgetragen und darin bewährte sich der junge Louis Armstrong.2)

Im Jahr 1922 fuhr er als 21-Jähriger von New Orleans im Süden nach Chicago im Norden, weil sein Vorbild – ein älterer Kornettist – dorthin gezogen war und ihn in seiner Band haben wollte. Die spielte dort mit großem Erfolg in Tanzsälen für ein afro-amerikanisches Publikum. Millionen Afro-Amerikaner hatten die Südstaaten verlassen, um in den Großstädten des Nordens zu leben, wo die Diskriminierung weniger brutal war und sie in der Industrie Arbeit fanden. So gab es in Chicago ein großes afro-amerikanisches Viertel, in dem Musiker aus dem Süden gefragt waren und sich niederließen.

1924 fuhr Louis Armstrong von Chicago nach New York, um ein Engagement im Orchester von Fletcher Henderson anzunehmen. Dieses Orchester spielte weitgehend nach Noten Tanzmusik für „weiße“ Gesellschaften und begann damals – wie andere Orchester –, kurze so genannte „Hot“-Soli einzubauen. Dafür war der junge, urwüchsig wirkende Louis Armstrong bestens geeignet. Nach ungefähr einem Jahr kehrte er nach Chicago zurück, hinterließ jedoch in Fletcher Hendersons Orchester einen bleibenden Einfluss, indem seine swingende Spielweise, sein Blues-Feeling und sein melodischer Stil als Vorbild nachwirkten. In folgender Aufnahme ist zu hören, wie das noch relativ steife Orchester von Louis Armstrongs Solo aufgelockert wird.3)

          MUSIK: Fletcher Henderson and His Orchestra: Copenhagen (1924)

Zurück in Chicago reifte Louis Armstrong seine Kunst des Solospiels weiter aus – als Mitglied eines Orchesters, das für ein afro-amerikanisches Publikum Stummfilme begleitete und anschließend Konzerte mit Tanzvorführungen bot. Daneben trat er in einem Nachtklub als Starsolist, Sänger und Tänzer vor einem größtenteils „weißen“ Publikum auf. Und er konnte damals mit seiner Hot-Five- und Hot-Seven-Band seine berühmten Schallplatten der 1920er Jahre aufnehmen.4)

Diese Aufnahmen waren zunächst ausschließlich für Afro-Amerikaner vorgesehen. In den Schallplattenläden für die „weiße“ Bevölkerung waren sie kaum erhältlich. Unter Afro-Amerikanern aus dem Süden war der junge Louis Armstrong ein Star, denn er spielte die Musik ihrer früheren Heimat, aber mit einer neuen Brillanz, die Stolz5) und einen Aufbruch in moderne Zeiten signalisierte. Das entsprach ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Norden und bewahrte zugleich ihre eigenständige afro-amerikanische Identität.6) Außerdem verkörperte Louis Armstrong trotz aller Widrigkeiten, mit denen er aufwuchs, eine unbeugsame Lebenslust.

          MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Five: Struttin' With Some Barbecue (1927)

Etliche Soli, die Louis Armstrong in diesen Aufnahmen spielte, sind raffiniert gestaltet – ungewöhnlich und zugleich völlig natürlich, sowohl im Rhythmus als auch in der Tonwahl. Es sind lange, swingende Melodien, die fesseln wie eine spannende Geschichte und wie die geschmeidigen Bewegungen eines fabelhaften Tänzers wirken. Diese kunstvolle melodische Gestaltung folgt nicht streng den Harmonien des jeweiligen Stücks, sondern weicht ab und kehrt zurück, bildet eigene Pfade, die fließende, mehrdeutige Harmonien ergeben. Im Rhythmus heben sich die Melodien besonders deutlich ab – lehnen sich zurück, treiben an, springen in Zwischenräume, bilden Extra-Figuren, landen auf dem Punkt. Es ist vor allem diese Kunst der rhythmisch-melodischen Gestaltung, die die Meister auszeichnet, die gesamte Jazz-Geschichte hindurch. Louis Armstrong brachte sie erstmals auf einen Höhepunkt.7)

          MUSIK: Louis Armstrong and His Hot Seven: Potato Head Blues (1927)

Louis Armstrong entsprach in seinem Auftreten der im Showgeschäft üblichen Darstellung von Afro-Amerikanern als primitive, sinnliche Wesen und durch seine spaßige Art wirkte er harmlos. Diese Rolle ermöglichte ihm seine Karriere. Dabei arbeitete er wohlüberlegt und hatte sich musiktheoretische Kenntnisse verschafft8), die er jedoch im Sinn seiner Herkunftskultur nutzte. Seine Soli entwickelte er im Wesentlichen so, wie er schon früher mit Singen und Pfeifen Melodien erfand, nun jedoch mit seinem erworbenen Wissen.9) Er feilte die Soli aus und führte sie dann immer wieder in ähnlicher Form auf. Wie den anderen damaligen Musikern war es ihm kein Anliegen, Musik auf der Bühne möglichst spontan zu gestalten. Dem Publikum sollte einfach ein überzeugendes Ergebnis geboten werden. Aber Louis Armstrong konnte sehr wohl meisterhaft improvisieren – auch der Pianist Earl Hines, der in der folgenden Aufnahme sein Partner ist.10)

          MUSIK: Louis Armstrong & Earl Hines: Weather Bird Rag (1927)

Ende der 1920er Jahre verschlechterte sich das Unterhaltungsgeschäft im afro-amerikanischen Viertel von Chicago. Wie viele andere Musiker übersiedelte Louis Armstrong nach New York, wo er schließlich ins Show-Geschäft für ein großes, überwiegend „weißes“ Publikum gelangte. Damit lief die Phase aus, in der er seine wegweisenden Beiträge zur kreativen afro-amerikanischen Tradition leistete.11)

          MUSIK: Louis Armstrong and His Orchestra: Star Dust (1931)

 

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Fußnoten können direkt im Artikel angeklickt werden.

  1.  Mehr dazu: Link --- Thomas Brothers: Louis Armstrong und seine Kollegen hätten drei einfache Begriffe verwendet, um die Ragtime-Methode des Ornamentierens zu beschreiben: „Variationen machen“, „hinzufügen“ und „einfügen“. Für die New Orleanser sei das Variationen-Machen die direkte Weiterführung der Plantagen-Tradition des Ragging-the-Tune gewesen. Vielleicht kannten manche die klassisch-europäische Tradition der Variationen. Das sei gewiss möglich. Doch sei es wichtiger zu erkennen, dass Afro-Amerikaner eine eigene lange Tradition hatten, auf der sie aufbauen konnten. … „Erfinden“ sei das Verb, das die New Orleanser üblicherweise für das verwendeten, was heute „Improvisation“ genannt wird. Etliche seien sowohl im Ragging-a-Tune als auch im Erfinden gut gewesen. Das Erfinden reiche wahrscheinlich weit in die Sklavenzeit zurück. (Quelle: Thomas Brothers, Louis Armstrong‘s New Orleans, 2006, S. 161f.)
  2. Mehr dazu: Link
  3. Mehr dazu: Link
  4. Mehr dazu: Link
  5. W.C. Handy: Bei Louis Armstrongs Auftritten im Vendome Theater (einem Lichtspieltheater für Afro-Amerikaner) sei etwas in seiner Stimme gewesen, was das Publikum besonders schätzte: „der Stolz der Rasse“. (Quelle: Vic Hobson, Creating the Jazz Solo. Louis Armstrong and Barbershop Harmony, 2018, Kindle-Version, S. 133)
  6. Mehr dazu: Link
  7. Mehr dazu: Link und Link --- Siehe auch: Vic Hobson, Creating the Jazz Solo. Louis Armstrong and Barbershop Harmony, 2018, Kindle-Version, S. 153-166
  8. Quelle: Thomas Brothers, Louis Armstrong. Master of Modernism, 2014, Kindle-Ausgabe, S. 102-110
  9. Thomas Brothers: Das Pfeifen habe Louis Armstrong als Experimentierfeld gedient, als Möglichkeit, Vorläufer für die ausgefallenen Läufe zu finden, die ihn schließlich berühmt machten. Das experimentelle Pfeifen habe er mit dem Üben der Klassiker, mit technischem Unterricht in der eurozentrischen Tradition, mit fortgeschrittenem Unterricht sui generis von Joe „King“ Oliver und mit zunehmendem Verständnis für Melodienaufbau und Notation zusammengebracht. (Quelle: Thomas Brothers, Louis Armstrong. Master of Modernism, 2014, Kindle-Ausgabe, S. 109f.) --- Vic Hobson: Es sei wahrscheinlich, dass Armstrong zum Zeitpunkt der Aufnahme von Potato Head Blues bereits ein gewisses Verständnis für Akkordtöne hatte; wie er jedoch deutlich gemacht habe, sei er seine Soli nicht auf diese Weise angegangen. Es sei kein theoretischer, sondern mehr ein akustischer Ansatz gewesen, der seine Notenwahl beeinflusste. (Quelle: Vic Hobson, Creating the Jazz Solo. Louis Armstrong and Barbershop Harmony, 2018, Kindle-Version, S. 165) --- Mehr dazu: Link
  10. Mehr dazu: Link
  11. Mehr dazu: Link

 

 

 

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