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JAZZ HÖREN – von klassischer Musik zu Jazz


Seit jeher wird viel Jazz für Hörer produziert, die mit „klassischer“ Musik vertraut sind, zum Beispiel folgende Interpretation einer Komposition von Johann Sebastian Bach.

          HÖRBEISPIEL: Hubert Laws: Brandenburg Concerto No.3 (1971)

Bachs helles, klares Flair bringt eine feine Note in die Musik dieses Jazz-Flötisten und die swingende Art des Jazz verleiht der alten Musik einen schicken Schwung. Dann endet Bachs Thema und die Jazz-Improvisation der Flöte beginnt und das ergibt einen doch deutlichen Bruch.

          HÖRBEISPIEL: Hubert Laws: Brandenburg Concerto No.3 (1971)

Letztlich wird ein „Klassik“-Freund Bachs Original vorziehen und ein Meisterwerk des Jazz ist diese Aufnahme nicht.
Der Trompeter Miles Davis verband im folgenden Stück Jazz mit spanisch-arabischen Anleihen und begeisterte damit viele Hörer. Jazz-Kritiker warfen allerdings auch die Frage auf, ob das nun wirklich noch Jazz ist.

          HÖRBEISPIEL: Miles Davis: Solea (1960)

Lustig und verschmitzt spielte der Saxofonisten Ornette Coleman in seiner folgenden Komposition mit einem Walzer-Rhythmus auf europäische Musik an.

          HÖRBEISPIEL: Ornette Coleman: European Echoes (1965)

Ornette Colemans Musik steht in krassem Gegensatz zur „klassischen“ Musik. Er brachte sich das Spielen selbst bei und entwickelte dabei eine eigenwillige Spielweise, die von vielen als mehr oder weniger falsch empfunden wurde. Diesen „Do-it-yourself“-Charakter behielt er zeitlebens bei. Doch war sein melodischer Sinn außergewöhnlich und seine Verwurzelung im Blues tief. Kompromisslos entwickelte er ein eigenes, ausgefeiltes Musikkonzept. Als er Ende der 1950er Jahre erste Aufnahmen herausbringen konnte, bekam er interessanterweise vor allem von „klassischen“ und „Klassik“-nahen Musikern Unterstützung. So pries ihn Leonard Bernstein in höchsten Tönen. Ornette Coleman übte großen Einfluss auf viele jüngere Jazz-Musiker aus, blieb aber auch umstritten.1) Denn eingehende Kenntnisse der Grundlagen und Meisterschaft haben im Jazz einen hohen Stellenwert.

Zu den Grundlagen gehört auch die Auseinandersetzung des Jazz mit europäischen Errungenschaften. Diese Auseinandersetzung erstreckte sich schon bald von der alten Musik bis zur Moderne. Der überragende Meister Charlie Parker spielte einem Kollegen schon Anfang der 1950er Jahre am Telefon vor, wie er auf dem Saxofon über Strawinskys Feuervogel improvisierte.2) Bei einem Auftritt in einem Jazz-Klub wurde ihm mitgeteilt, dass sich Strawinsky im Publikum befindet, worauf Charlie Parker eine Anspielung auf den Feuervogel in seine Improvisation einwebte, und Strawinsky soll entzückt gewesen sein.3)

Um 1950 spielte Charlie Parker eine Zeit lang mit einem „klassisch“ besetzten Ensemble und Aufnahmen davon waren die einzigen, die ihm einen größeren kommerziellen Erfolg einbrachten.

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Just Friends (1949)

Diese Aufnahmen mit Streichern im Hollywood-Stil zählen keineswegs zu Charlie Parkers Meisterwerken. Sie wurden von seinem Manager in die Wege geleitet, um seine Musik einer größeren Hörerschaft nahezubringen. Mangels nennenswerter Schulbildung lernte Charlie Parker die Musik von Bach und Beethoven erst als professioneller Musiker kennen und er war dann vor allem an den Komponisten des 20. Jahrhunderts interessiert, an Bela Bartok, Strawinsky und so weiter.4) Seine eigene Musiktradition und die „klassische“ Musik sah er als zwei unterschiedliche Wege, sich musikalisch auszudrücken, und er hoffte, dass seine Jazz-Tradition einmal so ernst genommen wird wie die „Klassik“.5)

Ich las in jungen Jahren, dass Louis Armstrong nicht nur als Trompeter, sondern auch als Sänger großartig war. Erst später verstand ich das richtig und ich sagte dann in einem Gespräch mit einem Opernfreund: Louis Armstrong war aus der Jazz-Perspektive ein großer Sänger. Der Opernfreund überging meine Aussage mit einem Blick, als hätte ich keine Ahnung von Musik. Ich verstand ihn, denn ich hörte in meiner Jugendzeit selbst viel „klassische“ Musik. Doch wenn ich heute nach einem Beispiel für eine großartige Stimme suche, dann fällt mir zum Beispiel folgender Blues-Sänger ein.

          HÖRBEISPIEL: Frank Stokes: Nehi Mamma Blues (1928)

Die Aufnahmequalität ist schlecht. Melodie, Rhythmus, Harmonien sind einfach. Aber der Ausdruck der Stimme ist keineswegs primitiv, schmutzig, unnatürlich, wie es aus der „klassischen“ Perspektive erscheinen mag, sondern eine eigene Kunst voller Nuancen, sinnlichem Charme und Expressivität. Die Angehörigen dieser afro-amerikanischen Subkultur legten auf solche Qualitäten großen Wert.

Diese Kunst des stimmlichen Ausdrucks übertrugen die Jazz-Meister auf ihr Instrument.

          HÖRBEISPIEL: Sonny Rollins: Blue Seven (1956)

Auf dieses Stück des Saxofonisten Sonny Rollins bezog sich der Komponist und Musikwissenschaftler Gunther Schuller, als er Sonny Rollins 1958 in einem viel beachteten Artikel rühmte. Gunther Schuller fand, dass Sonny Rollins mit einer besonderen Improvisationskunst, die er „thematische Improvisation“ nannte, den Jazz auf ein höheres intellektuelles Niveau hebe. Der junge Sonny Rollins schwieg, da er auf lobende Worte von Jazz-Kritikern angewiesen war. Im Alter erklärte er jedoch, dass Improvisation nicht so funktioniert, wie Gunther Schuller behauptete. Schullers Artikel ging in die Jazz-Geschichte als Beispiel dafür ein, wie Kritiker und Theoretiker dem Jazz Sichtweisen aus europäischer Bildung überstülpen.

Ist man mit „klassischer“ Musik vertraut, dann hat man Erfahrung mit komplexen Klängen und das verschafft einen großen Vorteil für den Zugang zum Jazz. Das Musikverständnis, das man mitbringt, braucht allerdings Erweiterung. Denn Jazz funktioniert anders, hat andere Schwerpunkte, eine eigene Ästhetik und andere Bedeutungen.

          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Tunji (1962)

Dieses Stück des Saxofonisten John Coltrane ist in der Grundstruktur einfach und statisch, offenbart aber doch Qualitäten, die die Meister des Jazz auszeichnen: zunächst einmal Groove. Das ist nicht bloß ein etwas anderes rhythmisches Fundament als es in der „klassischen“ Musik üblich ist, sondern eine spezielle, hochdifferenzierte Qualität, die mit Bewegungsgefühl verbunden ist. Ich hatte solche Musik schon oft gehört, bis mich eines Tages das Spiel dieses Schlagzeugers, Elvin Jones, tief zu bewegen begann. Tatsächlich ist er einer der großen Meister dieser Kunst. Mittlerweile ist guter Groove für mich geradezu unverzichtbar für ein befriedigendes Musikerlebnis geworden.

          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Out Of This World (1962)

Der Saxofonist Steve Coleman erzählte, dass er in jungen Jahren als angehender Musiker oft einen alten Meister aufsuchte, Sonny Stitt, um ein wenig von seiner Erfahrung zu lernen. Der Meister fragte ihn einmal, was eine ganze Note ist. Nachdem er alle Antwortversuche verworfen hatte, erklärte er: Eine ganze Note ist ein Kreis mit einem Leerraum drinnen. – Also ein bloßes Zeichen, keine Musik. Gewiss würden die Komponisten der „Klassik“ diese Sicht teilen, aber im Jazz hat sie noch weitergehende Bedeutung. Noten spielen hier eine viel geringere Rolle und Komponieren ist viel enger mit dem Spielen der Musik verbunden. Dieses Spielen und Komponieren in einem hat eine starke Verbindung zum Sprechen. John Coltrane verfügte über hochentwickelte harmonische Konzepte, doch höre ich ihn nicht Melodien fantasieren, sondern mit eindringlicher Stimme über tiefgehende Lebenserfahrung sprechen.

          HÖRBEISPIEL: John Coltrane: Tunji (1962)

Jazz-Musiker wollen nicht Kompositionen anderer notengetreu ausführen, sondern Musik weitgehend im gemeinsamen Musizieren gestalten. Jazz ist daher nicht in so großangelegter Weise organisiert wie die „klassischen“ Kompositionen. „Klassik“-Kenner finden im Jazz deshalb wenig von der so genannten „großen Form“, die sie als intellektuelle Qualität europäischer Musikkultur schätzen. Aber meisterhafter Jazz fordert den Geist auf andere Weise. Seine Strukturen sind oft so dicht und kunstvoll, dass man sie nur in groben Zügen erfasst und selbst nach häufigem Hören immer wieder beeindruckende Details entdeckt. An der Oberfläche wirkt zum Beispiel Charlie Parkers Musik heiter, beschwingt, ein wenig volkstümlich und in ihrer Tiefe haben selbst viele Musiker und Theoretiker immer noch Schwierigkeiten, sie wirklich zu verstehen.6)

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Barbados (1948)

Jahre bevor Charlie Parker mit „klassischen“ Musikern arbeitete, spielte er (Mitte der 1940er Jahre) mit afrikanischen und afro-kubanischen Trommlern. John Coltrane benannte sein Stück Tunji aus 1962, das zuvor zu hören war, nach einem afrikanischen Trommler, mit dem er befreundet war. Coltrane beschäftigte sich auch mit klassischer indischer Musik und stand mit dem Meister des Sitar-Spiels Ravi Shankar in freundschaftlichem Kontakt.7) Der war umgekehrt an westlichen Musiktraditionen interessiert und machte unter anderem mit dem europäischen Geigenvirtuosen Yehudi Menuhin Aufnahmen.

Steve Coleman, der große Jazz-Meister der Gegenwart, hat den Blick über die eigene Tradition hinaus noch intensiviert, fremde Kulturen tatsächlich aufgesucht und mit Musikern dieser Kulturen gearbeitet. Er sieht das Verhältnis der hochentwickelten Musikkulturen in groben Zügen so: In Asien, und zwar im Raum des indischen Subkontinents, wurde die Melodie besonders stark entwickelt. Dort gibt es spezielle melodische Strukturen und verschiedene Stimmungen. In Europa liegt das Schwergewicht auf der Harmonik und in Afrika auf der Rhythmik. In Nord- und Lateinamerika kam es zu einer starken Vermischung all dieser Kulturen.8)

Steve Colemans globale Orientierung spiegelt sich in seinen komplexen Klängen, ineinander verflochtenen Melodien und Rhythmen wider.

          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman: Morphing (2016)

Die Musik der Jazz-Meister hat einen lockeren, geschmeidigen, sinnlichen Grundcharakter, den ich als lässig empfinde. Das zog mich schon in relativ jungen Jahren zum Jazz hin und ist für mich Ausdruck einer offenen, lebenszugewandten Haltung.

  

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  1. Näheres: Link und Link --- Peter Niklas Wilson: „Colemans Musik hatte für viele eine zu ungeschliffene Qualität, […] war harmonisch keineswegs so ausgefeilt wie die [Charlie] Parkers – und […]: Colemans Virtuosität war mitnichten so über alle Zweifel erhaben wie die Parkers.“ (QUELLE: Peter Niklas Wilson/Ulfert Goeman, Charlie Parker. Sein Leben. Seine Musik. Seine Schallplatten, 1988, S. 58)
  2. Quelle: Charles Mingus, What is a Jazz Composer?, Begleittext seines Albums Let My Children Hear Music, 1971, Internet-Adresse: https://www.charlesmingus.com/mingus/what-is-a-jazz-composer
  3. Quelle: Auszug aus: Alfred Appel jr., Jazz Modernism: From Ellington and Armstrong to Matisse and Joyce, 2002, Internet-Adresse: http://jerryjazzmusician.com/2004/01/great-encounters-1-when-charlie-parker-played-for-igor-stravinsky/
  4. Quelle: Thomas Hirschmann, Charlie Parker. Kritische Beiträge zur Bibliographie sowie zu Leben und Werk, 1994, S. 171
  5. Quelle: Thomas Hirschmann, Charlie Parker. Kritische Beiträge zur Bibliographie sowie zu Leben und Werk, 1994, S. 176
  6. Näheres: Link, Link, Link
  7. Quelle: Carl Clements, John Coltrane and the integration of Indian concepts in jazz improvisation, Dissertation, Internet-Adresse: https://indiamusicweek.org/files/coltrane.pdf
  8. Quelle: Von Steve Coleman am 25. und 27. November 2020 geführte Conference Calls mit Premium-Mitgliedern seiner Internet-Plattform M-Base Ways

 

 


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