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JASSESSENZ – 3. Entdeckung


In den 1970er und 80er Jahren begeisterte mich ein breites Spektrum des damals aktuellen Jazz, viel aus dem so genannten Free-Jazz-Bereich, aber auch zum Beispiel McCoy Tyners Musik, Miles Davis‘ Fusion Music, so genannte Weltmusik von Don Cherry und so weiter. Mein Spektrum umfasste das meiste, was damals in der Jazz-Literatur als bedeutender neuer Jazz vorgestellt wurde. Wenn ich heute Material für mein Radio-Programm suche, fallen mir viele Aufnahmen aus der damaligen Zeit ein, aber letztlich verwende ich nur wenige von ihnen. Denn die meisten überzeugen mich heute nicht mehr genug, um sie neben die Meisterwerke der Jazz-Geschichte zu stellen. Ein Link zum Radio-Programm steht unter dem Video.1)[+]

Das Neuartigste und Hippste, was es in den späten 1980er Jahren im Jazz-Bereich gab, kam vom Saxofonisten Steve Coleman. Es war eine sehr rhythmische Musik mit top-aktuellem Funk-Feeling. Ich hörte sie gerne, gab ihr allerdings keine überragende Bedeutung. Im Jahr 1990 erschien dann jedoch Steve Colemans Album Rhythm People und das beeindruckte mich tiefgreifend – in welcher Weise, das habe ich bereits in einem früheren Video dargestellt. Ein Link steht unter dem Video.2)[+]

Ich verfolgte Steve Colemans weitere Neuerscheinungen und verglich seine Musik immer wieder mit berühmten Werken von John Coltrane, Miles Davis und so weiter. Ich fand sie genauso kunstvoll, komplex, zugleich klar, prägnant und dennoch völlig eigenständig. Daher begann ich ihn als einen der großen Innovatoren der Jazz-Geschichte zu betrachten. Einige Jahre später fand ich eine Aussage des Musikers Don Byron, die meine Auffassung bestätigte: Steve Coleman sei eine „Ausnahme-Persönlichkeit” der amerikanischen Musikgeschichte.3)[+] Diese Aussage blieb dann jedoch viele Jahre lang die einzige Bestätigung, obwohl ich laufend nach Kommentaren zu Steve Coleman suchte. Offenbar bestand für seine Musik auffallend wenig Verständnis. In meinen Augen war hier ein Meister im Rang von John Coltrane, Charlie Parker und Ludwig van Beethoven am Werk und nur sehr wenige erkennen seine Bedeutung. Natürlich hinterfragte ich meine Auffassung immer wieder und ich begann mich mit folgender Frage zu beschäftigen: Welche speziellen Qualitäten zeichnen die bekannten Meisterwerke des Jazz aus und inwiefern sind diese Qualitäten in Steve Colemans Musik wiederzufinden? Daraus ergab sich meine Jazzseite. Ein Link steht unter dem Video.4)[+]

Mir kam dabei zu Hilfe, dass im Internet allmählich viele Interviews, Vorträge und Artikel von Steve Coleman erschienen. Er erläuterte nicht nur seine eigene Musik, sondern gab auch seine tiefreichenden Kenntnisse der Jazz-Tradition weiter. Er ist ein außergewöhnlicher Kenner der Musik von Charlie Parker5)[+], John Coltrane und anderer alter Meister. Und er lernte als junger Musiker im direkten Kontakt mit Meistern, die damals noch in seiner Heimatstadt Chicago auftraten, vor allem vom wenig bekannten, aber großartigen Von Freeman, von Sonny Stitt, von Bunky Green und so weiter.

Im Jahr 2010 sagte der angesehene Pianist Vijay Iyer: „Steve Coleman ist in meinen Augen so bedeutend wie John Coltrane. Er hat einen gleich großen Beitrag zur Musikgeschichte geleistet.”6)[+] Andere anerkannte Musiker erklärten, Steve Coleman sei im Untergrund der einflussreichste Innovator seiner Generation.7)[+] Näheres auf meiner Jazzseite. Ein Link steht unter dem Video. Schließlich stieß ich auf eine Aussage von Steve Coleman, Rhythm People sei sein erstes ausgereiftes Album gewesen.8)[+] Auch in diesem Punkt wurde also meine Wahrnehmung bestätigt.

So gelangte ich zu einer veränderten Sicht der neueren Jazz-Geschichte. Durch Steve Coleman führt die kreative Jazz-Tradition in sehr lebendiger und konsistenter Weise bis in die Gegenwart. Mehr dazu im nächsten Video.

 

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  1. Radio-Programm: Link
  2. Video: Link
  3. Quelle und Näheres: Link
  4. Link
  5. Siehe zum Beispiel seinen Artikel über Charlie Parker: Link
  6. Quelle und Näheres: Link
  7. Quelle und Näheres: Link
  8. Quelle und Näheres: Link

 

 


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