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JAZZESSENZ – 6. Qualitäten


Als ich in den 1970er Jahren begann, mich mit der Jazz-Literatur zu beschäftigen, kam mir vieles davon rätselhaft vor. Später stellte ich fest, dass sich die bedeutenden Musiker sehr oft von den Jazz-Autoren missverstanden fühlten. Von den Meistern der Vergangenheit selbst ist nicht viel an hilfreichen Erläuterungen erhalten geblieben. Doch gibt es Musiker, die von ihnen lernten und so ein Insider-Verständnis erwarben, das sie dann weitergaben. Steve Coleman ist für mich die ergiebigste und kompetenteste Quelle dieser Art, besonders auch, weil er selbst einer der großen Meister dieser Musikkultur ist.

Aus den vielen Informationen, die ich über die Jahre fand, habe ich die interessantesten herausgefiltert und zu meiner Website verarbeitet. Vor allem hat mich interessiert, welche speziellen Qualitäten die Meister auszeichnen und wie sie durch diese Qualitäten miteinander verbunden sind. Zum Beispiel fand ich folgende Aussage des Saxofonisten Bunky Green aufschlussreich: „Ich lernte am Anfang von Charlie Parker. Ich versuchte, seinen gesamten Stil zu kopieren. Ich wollte exakt so sein wie er.“ Schließlich konnte er Charlie Parkers Soli komplett nachspielen. Aber dann wurde ihm klar, dass Wie-Charlie-Parker-Sein bedeutet, ganz anders zu spielen als er. Denn Charlie Parker sei in seiner Zeit ein Rebell gewesen.1)[+]

Einfach etwas zu wiederholen oder etwas nachzuahmen, was bereits jemand anderer gespielt hat, ist in der Jazz-Tradition nicht angesehen, auch wenn es sehr gekonnt gemacht wird. Die kreativen Meister werfen jedoch die Tradition, aus der sie kommen, nicht über Bord. Bunky Green schlug einen eigenen, sehr persönlichen Weg ein, blieb dabei aber doch mit dem Charlie-Parker-Erbe verbunden– ähnlich wie Charlie Parker an seine Vorgänger anknüpfte und deren Tradition in kreativer Weise weiterführte. Steve Colemans Musik ist so eigenständig, dass nicht sofort offensichtlich ist, wie sehr er von Charlie Parker und anderen früheren Meistern beeinflusst wurde. Er sprach davon, wie man als junger Musiker in diese Kultur kommt, sich bemüht, akzeptiert zu werden, und sich an einem gewissen Punkt in eine eigene Richtung entwickelt, aber weiterhin die Normen in sich hat, die frühere Musiker aufgestellt haben. Bestimmte frühere Musiker seien bis heute sein Maßstab, sein Bezugspunkt. Es gehe immer darum, einen Beitrag zu leisten. Charlie Parker habe einen Beitrag geleistet, auf dem dann viele nachfolgende Musiker aufbauten. John Coltrane sei sehr bewusst gewesen, dass er in einer speziellen Bruderschaft ist, Teil einer kreativen Sache.2)[+]

Steve Coleman erzählte, wie er als junger Musiker im Kontakt mit älteren Meistern lernte: Es „gab bestimmte Dinge, die wichtig waren: dein Sound, dein Groove und wie du dich selbst ausdrückst. Es gab ständig diese Kritik daran, dass man keinen Sound hat, keinen guten Groove, eine Menge Kritik am Rhythmus: Dieser Musiker kann nicht swingen, er hat kein Feeling und so weiter. Man muss mitkriegen, was es ist, das die älteren Meister gut ausdrücken können, wie man erreicht, dass es sich in einer bestimmten Weise anfühlt, wie man verbindet, wie man swingt. Man hört sie über das Gleiten des Rhythmus, das Swingen des Rhythmus und all diese verschiedenen Begriffe reden. Man muss das mitkriegen um ein Mitwirkender zu sein.“ Die Älteren sprachen auch immer von „dieser ganzen Sache des Storytelling“ (also Geschichten-Erzählens). Sie sagten zum Beispiel über einen Musiker: „Ja, er klingt gut, beherrscht sein Instrument und alles, aber was ist die Geschichte?“ Sie forderten junge Musiker immer auf, eine Geschichte zu erzählen.3)[+]

Begriffe wie Groove, Swing, Sound und Storytelling haben in dieser Musikkultur spezielle Bedeutungen. Die lassen sich nicht theoretisch erfassen. Man kann sich ihnen nur annähern, indem man ein Gespür entwickelt. Gerade das hat mich angesprochen. Ich habe diese Begriffe auf meiner Website verwendet, um drei große Themengebiete zu bezeichnen: „Groove“ für Themen, die mit der Rhythmik zusammenhängen; „Sound“ für Themen, die den Klangcharakter betreffen; und „Storytelling“ für Themen der Improvisation, der Melodik und der Aussage der Musik.

Bei allen Themen ging es mir um ein Verständnis, das das Hörerlebnis steigert, ohne dass man musiktheoretische Vorkenntnisse braucht. Meine Website kann man auf einer Ebene aus wenigen Artikeln lesen. Wenn man aber in den Artikeln die Links auf Unterartikel anklickt, dann verzweigt sich die Website und wird umfangreich. Je nach Interesse kann man also mehr oder weniger tief in die Themen einsteigen. Soviel zu meiner Website.

Ich habe vor, in den nächsten Videos Themen meiner Website in knapp zusammengefasster Form darzustellen. Wer daran interessiert ist, kann unterhalb des Videos „Abonnieren“ anklicken und erhält dann eine Verständigung, wenn das nächste Video fertig ist.

Bis dahin: Keep swingin‘, movin‘ and groovin‘.

 

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