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7.) Jazz-Stile: 1900-1940 --- FÜR DIE SCHULE


Die Jazz-Geschichte wird in den Schulbüchern als Abfolge von so genannten Stilen dargestellt. Diese Stile haben sich Jazz-Kritiker vor langer Zeit ausgedacht. Musiker schütteln seit jeher den Kopf über die Kategorisierungen der Kritiker. Doch werden die Jazz-Stile selbst in den Schulen gelehrt und so muss man sich damit beschäftigen:

Die ersten Schallplatten, die als Jazz verkauft wurden, waren typisch für Musik aus New Orleans. Daher wird der erste Jazz-Stil als New-Orleans-Jazz bezeichnet. Er gilt primär als afro-amerikanische Musik. Die von „weißen“ Musikern gespielte Variante wird oft Dixieland Jazz genannt. Beide Arten zusammen verstehen manche als Old Time Jazz. Die ersten Aufnahmen von solcher Musik entstanden ab 1917 und es wird angenommen, dass diese Musikart um 1900 entstand. Als Merkmal dieses Stils gilt die so genannte Kollektivimprovisation. Damit ist ein ineinander verwobenes Spiel von Blasinstrumenten gemeint – meistens von Trompete (genaugenommen einem Kornett), Klarinette und Posaune. Die Trompete spielt die Melodie des Songs, die Klarinette umspielt sie und die Posaune legt ein Fundament darunter mit fallweisen kurzen zusätzlichen Einwürfen. Das hört sich so an:
          HÖRBEISPIEL: Bunk Johnson Superior Jazz Band: Panama (1942)

Als bedeutende Vertreter des New-Orleans-Jazz gelten: Joe „King“ Oliver, Louis Armstrong und Jelly Roll Morton. Für den Dixieland-Jazz steht vor allem die Original Dixieland Jazz Band.

Ungefähr um 1917 verschlechterten sich in New Orleans die Auftrittsmöglichkeiten für Jazz-Musiker und so machten sich einige von ihnen auf den Weg, um in anderen Teilen der USA ein Publikum zu suchen. In den Städten des Nordens (New York, Chicago und so weiter) bestanden bereits große afro-amerikanische Arbeiterviertel aus Zuwanderern, die wegen der extremen Diskriminierung im Süden dorthin gezogen waren. In diesen Vierteln fanden die Musiker neue Arbeit. Im afro-amerikanischen Viertel von Chicago entwickelte sich um 1920 eine besonders lebhafte Szene von Musikern aus New Orleans. Einer von ihnen, Joe „King“ Oliver, konnte im Jahr 1923 Schallplattenaufnahmen machen und die gelten als frühe Paradebeispiele für afro-amerikanischen New-Orleans-Jazz. „King“ Oliver hatte den jungen Louis Armstrong in seiner Band, der ebenfalls aus New Orleans gekommen war. Armstrong wurde ab 1925 mit eigener Band aufgenommen, zunächst mit einer sehr ähnlichen Musik. Er war ein hervorragender Solist und ab 1926 sind in seinen Schallplatten Soli zu hören, die die Kollektivimprovisation zunehmend verdrängen. In den Schulbüchern wird das als neuer Jazz-Stil verstanden: als Chicago Jazz. Als Merkmal gelten längere Soli – im Gegensatz zum New-Orleans-Jazz, der nur aus Kollektivimprovisation bestanden haben soll. Im folgenden Beispiel hört man zunächst 9 Sekunden lang Kollektivimprovisation, wobei die Klarinette ziemlich leise, die Posaune deutlich lauter ist. Darauf folgt ein Solo von Armstrong.
          HÖRBEISPIEL: Louis Armstrong and His Hot Five: Hotter Than That (1927)

Im Chicago der 1920er Jahre gab es eine Clique junger „weißer“ Musiker, die regelmäßig in das afro-amerikanische Viertel fuhren, um dort ihre großen Vorbilder aus New Orleans zu erleben. Sie spielten dann selbst ähnlich, aber doch auf eigene Art. Auch auf sie bezieht sich die Bezeichnung Chicago Jazz. Bix Beiderbecke war der Angesehenste dieser Clique. Vor allem für liebliche, von europäischer Ästhetik beeinflusste Soli wurde er bekannt. Am Ende des folgenden Ausschnitts hört man Kollektivimprovisation in der Art dieser Musiker.
          HÖRBEISPIEL: Frankie Trumbauer and His Orchestra: Singin‘ the Blues (1927) Kornett-Solo: Bix Beiderbecke

An den nächtlichen Reisen solcher junger Musiker in das afro-amerikanische Viertel war manchmal auch der Klarinettist Benny Goodman beteiligt. Später, ab 1935, wurde Goodman zu einem internationalen Star, und zwar mit einer Bigband-Musik, die Swing genannt wurde. Diese Musik war wiederum von afro-amerikanischen Jazz-Musikern entwickelt worden, vor allem von Fletcher Henderson und Duke Ellington, und Goodman spielte eine verwässerte Variante davon – so wie bereits die Dixieland-Bands von der New-Orleans-Musik. Der Swing wird als weiterer Jazz-Stil betrachtet. Als sein Hauptmerkmal gilt, dass er von Bigbands gespielt wird.

Die Bigbands sind gegliedert in
  1. die Reed-Section (Gruppe der Rohrblatt-Instrumente beziehungsweise Holzbläser: Saxofone und Klarinetten)
  2. in die Brass-Section (Blechbläser-Gruppe: Trompeten und Posaunen)
  3. in die Rhythm-Section (Rhythmusgruppe: Klavier, Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug)

Bei einer größeren Band muss das Zusammenspiel stärker geplant sein. Das erfolgt durch so genannte Arrangements, die die einzelnen Parts der Instrumente weitgehend festlegen. Sie können in Notenschrift festgehalten sein oder auch bloß im Kopf der Musiker sein. Dann werden sie Head-Arrangements genannt.

Oft spielt im Vordergrund ein Solist auf einem Blasinstrument und er wird nicht nur von der Rhythmusgruppe, sondern auch von kurzen melodischen Figuren der Bläsergruppen begleitet. Diese ständig wiederholten Figuren werden Riffs genannt. Das Spiel des Solisten ist also mit Klängen anderer Bläser verwoben. Aber das klingt deutlich anders als bei der Kollektivimprovisation.
          HÖRBEISPIEL: Fletcher Henderson and His Orchestra: King Porter Stomp (1933)

Typisch für Bigbands ist auch ein Wechselspiel zwischen Reed-Section und Brass-Section. Das kann den Charakter von Call-and-Response, also Ruf und Antwort haben.
          HÖRBEISPIEL: Fletcher Henderson and His Orchestra: King Porter Stomp (1933)

In manchen Schulbüchern wird als Merkmal des Swing-Stils auch der Walking Bass erwähnt. Gemeint ist, dass durch Zupfen des Kontrabasses ein gleichmäßiger Puls erzeugt wird, der den Beat darstellt. In der Regel sind das vier Viertelnoten pro Takt.
          HÖRBEISPIEL: Count Basie And His Orchestra: Cherokee (1939)

Neben Benny Goodman werden in Schulbüchern die Afro-Amerikaner Count Basie und Duke Ellington als Bandleader des Swing genannt. Die waren musikalisch viel bedeutender als Goodman, aber wesentlich weniger erfolgreich als Goodman und einige andere „weiße“ Orchesterchefs. Die Schulbücher erwähnen oft auch den äußerst erfolgreichen „weißen“ Bigband-Leiter Glenn Miller, obwohl seine Musik nur mehr wenig Jazz-Charakter hat. Somit können in der Schule auch folgende Klänge ein Beispiel für Swing-Jazz sein.
          HÖRBEISPIEL: Glenn Miller: In The Mood (1939)

Duke Ellington passte mit seinen künstlerischen Ambitionen nie in das Swing-Klischee. Die tanzorientierte Musik von Count Basie schon eher, aber sie war viel vitaler als die Swing-Popmusik. Sie kam aus Kansas City und war vollgepackt mit Blues-Elementen, starkem Swing-Feeling und lebendiger Improvisation. Manche Schulbücher sehen nach dem Swing-Stil einen eigenen Stil „Kansas-City-Jazz“ vor. Count Basies Band wäre ein Beispiel dafür. Diese Musik gab es in Kansas City allerdings schon, bevor Goodman 1935 die kommerzielle Swing-Welle auslöste.
          HÖRBEISPIEL: Bennie Moten's Kansas City Orchestra: Prince Of Wails (1932)

Im nächsten Video geht es mit den 1940er Jahren weiter.

 

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