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JAZZ ESSENZ – 17. Improvisation


Wie können Jazz-Musiker spontan kunstvolle Musik schaffen, dabei komplizierte Strukturen eines Stücks berücksichtigen und auch noch auf Beiträge anderer Bandmitglieder reagieren? Diese Kunst funktioniert ähnlich wie das spontane Sprechen. Die Meister der Jazz-Improvisation beherrschen eine Art musikalische Sprache. Sie setzen sie so ein, wie man beim Sprechen intuitiv aus Wörtern und Phrasen Sätze bildet, während man auf den Inhalt konzentriert ist. Die Wörter und Phrasen des persönlichen Wortschatzes hat man schon oft benutzt und doch drückt man mit ihnen immer wieder etwas aus, das man noch nie gesagt hat, zumindest noch nie auf genau dieselbe Weise.

Durch die Nähe zur Sprache hat die Jazz-Improvisation einen fließenden, natürlich wirkenden Charakter. Der Sänger Eddie Jefferson versah ein Stück Charlie Parkers mit einem Text und sang es nach, was eine Art melodiösen Sprechgesang ergab.

          HÖRBEISPIEL: Eddie Jefferson: Parker's Mood (1961)

Hört man nun Charlie Parkers Originalaufnahme, so wird deutlich, wie sehr der Charakter eines Sprechgesangs bereits in seinen Melodielinien enthalten ist.

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Parker's Mood (1948)

Charlie Parkers Spielweise hat sogar den zurückgelehnten, schleppenden Tonfall der afro-amerikanischen Sprechweise aus den Südstaaten.1) Und Charlie Parker drückte mit seiner Musik manchmal tatsächlich sprachliche Inhalte aus. So fiel Steve Coleman schon in jungen Jahren auf, dass Charlie Parker an mehreren Stellen seines Stücks Perhaps buchstäblich das Wort „perhaps“ spielt. Das ganze Thema dieses Stücks klingt nach Colemans Eindruck so, als würde Charlie Parker in einem Gespräch mehrere Erklärungen abgeben, die durch „aber vielleicht“ und „vielleicht“ miteinander verbunden sind.2) Ich war skeptisch, doch als ich darauf achtete, hörte ich es sofort selbst.

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: Perhaps (1948)

Der Tenor-Saxofonist Sonny Rollins sagte: „Ich bin einer, der sprachähnlich spielt.“ Sein ursprüngliches Vorbild, Coleman Hawkins, der erste große Tenor-Saxofonist des Jazz, klinge besonders in seinen frühen Aufnahmen fast so, als würde er sprechen.3) – Coleman Hawkins späterer Konkurrent Lester Young unterschied sich im Stil deutlich, doch sagte ein Musikerkollege über ihn, er spiele eine Menge Phrasen, die in Wirklichkeit Worte sind. Er spreche buchstäblich auf seinem Saxofon.4) – Sonny Rollins Kollege John Coltrane legte manchen seiner Stücke Gedichte zugrunde5) und erwähnte, er wolle nach West-Afrika reisen, um dort die Verbindung von Sprache und Musik zu erkunden und so Anregungen für sein Saxofon-Spiel zu erhalten.6) Steve Coleman reiste dann tatsächlich dorthin. Schon als angehender Musiker hatte er die sprachähnliche Qualität der älteren Meister geschätzt, besonders seines Mentors Von Freeman. Er wollte herausfinden, inwieweit Musik tatsächlich ein Storytelling, also Geschichtenerzählen, sein kann, von dem die älteren Musiker immer redeten.7) Und afrikanische Traditionen gelten als Wurzeln des fließenden Übergangs von Sprache und Musik in afro-amerikanischen Musikarten – in Blues, Jazz, Reggea, Hip-Hop und zum Beispiel in folgender alten Aufnahme eines Ostergottesdienstes8):

          HÖRBEISPIEL: Sin-Killer Griffin: The Man of Calvary (1934)

Die kreativen Meister des Jazz beherrschen nicht nur eine reiche musikalische Sprache, mit der sie sich fließend ausdrücken können. Sie sind auch sehr geschickt darin, spontane Einfälle hervorzubringen und umzusetzen. Von Freeman erklärte, es gehe ihm darum, eine Idee im Kopf zu hören, die er noch nie gespielt hat, und sie genau so aus seinem Saxofon zu bringen, wie er sie im Kopf hat – auf der Stelle, ohne sie eingeübt zu haben. Und er konnte das auch. Ein bloßes Spiel mit eingeübten Phrasen war in seinen Augen keine echte Improvisation. Er bezeichnete es vielmehr als „jonglieren“, erzählte Steve Coleman.9)

Charlie Parker erfand (wie ein Musiker sagte) „blitzschnell spannende, sinnvolle Melodien“, spielte mit „überragender Logik“, mit „Poesie und Seele, in jedem Tempo“, „atemberaubend schnell, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten“ und lieferte „phänomenale Soli bei Songs, die er nicht einmal kannte“.10) Steve Coleman wies auf eine Stelle in einer Aufnahme hin, an der Charlie Parker einen Teil der Song-Melodie spielen wollte, aber strauchelte. Augenblicklich verwandelte er seinen Fehler in eine formvollendete melodische Linie mit raffinierter rhythmischer Balance.11) Die Song-Melodie hätte so gehen sollen:

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: 52nd Street Theme Nr. 218 (1948)

Die Aufnahmequalität ist schlecht. Nun zunächst noch einmal, wie die Melodie vorgesehen war, und anschließend, was Charlie Parker daraus gemacht hat:

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: 52nd Street Theme Nr. 218 (1948)

          HÖRBEISPIEL: Charlie Parker: 52nd Street Theme Nr. 238 (1948)

Steve Coleman entwickelte ebenfalls die Fähigkeit, im Flug seines Saxofon-Spiels großartige musikalische Ideen hervorzubringen und auf der Stelle präzise auszuführen. So schuf er zum Beispiel die lange, verschlungene Melodie seines Stücks Harmattan durch Improvisation – ohne nachträgliche Korrektur.12) Bei diesem Stück habe ich bildlich vor mir, wie der heiße, trockene, staubige Harmattan-Wind aus der Sahara eine wirbelnde, surreale Atmosphäre erzeugt, wie sie Steve Coleman im Norden Ghanas erlebt hat.

          HÖRBEISPIEL: Steve Coleman and the Council of Balance: Harmattan (2014)

Für eine so perfekte musikalische Gestaltung ist die Bezeichnung „Improvisation“ genau genommen unangemessen, denn unter Improvisiertem wird auch Unausgereiftes, Provisorisches verstanden. Der Saxofonist Gary Bartz sagte, sein Spiel sei nur dann improvisiert, wenn er einen Fehler macht, ansonsten sei es spontane Komposition.13) Steve Coleman versteht sich ebenfalls als spontaner Komponist. Gary Bartz betonte zugleich den volkstümlichen Charakter des Jazz, dem die heutige Verschulung widerspricht.14) Sonny Rollins erklärte: „Jazz ist lebendig. Im Jazz geht es um den Moment. Das unterscheidet ihn von anderer Musik. Und Improvisieren ist für mich wie Träumen. Mein Kopf ist dann leer, ich spiele und spiele und könnte danach niemals jemandem erklären, wie ich was gemacht habe. Das geht alles sehr schnell, würde ich lange drüber nachdenken, könnte ich nicht für den Moment spielen."15)

In einem guten Gespräch können Wörter und Phrasen besonders leicht aus einem herausfließen und auch neue Ideen auftauchen.16) Meister des Jazz berichten von vergleichbaren Erfahrungen. Manchmal gelangen sie sogar in eine geradezu magische Art „Bewusstseinsstrom“, in dem sie besonders wach, auffassungsfähig, einfallsreich und reaktionsschnell sind und zugleich völlig entspannt und traumwandlerisch sicher.17) Ihre Mitspieler werden von ihrer Kunst herausgefordert und inspiriert, sodass das Zusammenspiel die Intensität tief bewegender gemeinschaftlicher Rituale annehmen kann.

Die Mehrheit der Jazz-Produktionen reicht aber bei Weitem nicht an den Geist und die Qualität der Meisterwerke dieser Musikkultur heran. Vieles, was gekonnt wirkt, ist Nachahmung.18) Originalität hat in dieser Musiktradition jedoch einen hohen Stellenwert. Mehr dazu im nächsten Video.

 

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  9. Quelle: Steve Colemans Video-Konferenz mit Mitgliedern seiner Internet-Plattform M-Base Ways am 15. August 2020
  10. Quelle: Wynton Marsalis, Jazz, mein Leben, 2008, S. 171f.
  11. Näheres: Steve Coleman, The Dozens: Steve Coleman on Charlie Parker, 2009, betreffende Stelle in eigener Übersetzung: Link
  12. Näheres: Link
  13. Quelle: Joan Gaylord, Gary Bartz: "Students Are Learning But They Are Learning Backwards!", 19. August 2013, Internet-Adresse: https://www.allaboutjazz.com/gary-bartz-students-are-learning-but-they-are-learning-backwards-gary-bartz-by-joan-gaylord.php
  14. Quelle: Joan Gaylord, Gary Bartz: "Students Are Learning But They Are Learning Backwards!", 19. August 2013, Internet-Adresse: https://www.allaboutjazz.com/gary-bartz-students-are-learning-but-they-are-learning-backwards-gary-bartz-by-joan-gaylord.php
  15. Näheres: Link
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